Lyrikmail #2101 Schack
Weihe des Schmerzes
Schon meinen Spielgenossen hieß ich Träumer;
Denn wie ein Bruder engverwandt von je,
Fühlt’ ich, o Schmerz, du tiefer, allgeheimer,
Mich dir und deinem dunklen Weh.
Wenn lachend über mir des Lebens blauer
Lichthimmel hängt, mich Scherz und Lust umhallt,
Doch stets zu dir in deine ernste Trauer
Zurückgezogen werd’ ich bald.
In mich mit langen, durst’gen Zügen sauge
Ich deinen Odem, während so vertraut,
Und wie aus Weltalltiefen doch, dein Auge,
Das große, dunkel auf mich schaut.
Da fühl’ ich: aus dem düstern Reich dort unten
Nur kommt die Weihe in des Menschen Brust,
Und matt und schal erscheint mit ihren bunten
Trugbildern mir der Erde Lust.
Adolf Friedrich von Schack (1815-1894)
Lyrikmail #2100 Fontane
Überlaß es der Zeit
Erscheint dir etwas unerhört,
Bist du tiefsten Herzens empört,
Bäume nicht auf, versuch’s nicht mit Streit,
Berühr es nicht, überlaß es der Zeit.
Am ersten Tag wirst du feige dich schelten,
Am zweiten läßt du dein Schweigen schon gelten,
Am dritten hast du’s überwunden,
Alles ist wichtig nur auf Stunden,
Ärger ist Zehrer und Lebensvergifter,
Zeit ist Balsam und Friedensstifter.
Theodor Fontane (1819-1898)
Theodor Fontane: Gedichte. Reclam Verlag, 5 Euro
Lyrikmail #2099 Farg
ich will etwas über die welt gesagt haben,
das ich verstehe,
wer der einsamste von uns ist, was verloren ging,
auch dieses jahr.
du hältst eine niere und alles
was je hindurchlief
hältst du auch,
hältst an
das alter, das sich all die zeit über
weiter ins leben hineinbewegt,
mit einem ernst, wegen dem sich niemand anzuscheißen scheint.
stärke ist ein kontinuum, das zurückfällt
auf konstanten, deren namen uns unbekannt sind,
was wir machen, was wir vergessen.
niedrig skaliertes, bedeutungsloses sehnen rissiger haut
durch altersheime, durch hundstage, durch schlaffe vaginalmuskulatur,
durchs bedauern
bis in alle vergangenheit, immerdar.
aus dem körper heraus kriecht das wirtstier
und der parasit verbleibt.
Tanya Farg (*1985)
Die Reihe clicktriebe wird von Tom Bresemann für die lyrikmail herausgegeben, erscheint einmal wöchentlich und präsentiert junge, deutschsprachige und internationale Autor_innen. Tom Bresemann ist Schriftsteller (Gedichtband: Makellos, Berlin 2007, zuletzt Jahrbuch der Lyrik 2009, Lyrik von Jetzt zwei, NEUBUCH, Covering Onetti) und Veranstalter (für die S³ LiteraturWerke, die Lettrétage, die schaubühne am Lehniner PLatz u.a.).
Lyrikmail #2098 Tieck
Liebe
Weht ein Ton vom Feld herüber
Grüßt mich immerdar ein Freund,
Spricht zu mir: was weinst du Lieber?
Sieh, wie Sonne Liebe scheint:
Herz am Herzen stets vereint
Gehn die bösen Stunden über.
Liebe denkt in süßen Tönen,
Denn Gedanken stehn zu fern,
Nur in Tönen mag sie gern
Alles was sie will verschönen.
Drum ist ewig uns zugegen
Wenn Musik mit Klängen spricht
Ihr die Sprache nicht gebricht
Holde Lieb’ auf allen Wegen,
Liebe kann sich nicht bewegen
Leihet sie den Othem nicht.
Ludwig Tieck (1773-1853)
Lyrikmail #2097 Busch
Der Frosch und die beiden Enten
Sieh’ da, zwei Enten jung und schön,
Die wollen an den Teich hingehn.
Zum Teiche gehn sie munter
Und tauchen die Köpfe unter.
Die eine in der Goschen
Trägt einen grünen Froschen.
Sie denkt allein ihn zu verschlingen.
Das soll ihr aber nicht gelingen.
Die Ente und der Enterich,
Die ziehn den Frosch ganz fürchterlich.
Sie ziehn ihn in die Quere,
Das tut ihm weh gar sehre.
Der Frosch kämpft tapfer wie ein Mann.
Ob das ihm wohl was helfen kann?
Schon hat die eine ihn beim Kopf,
Die andre hält ihr zu den Kropf.
Die beiden Enten raufen,
Da hat der Frosch gut laufen.
Die Enten haben sich besunnen
Und suchen den Frosch im Brunnen.
Sie suchen ihn im Wasserrohr,
Der Frosch springt aber schnell hervor.
Die Enten mit Geschnatter
Stecken die Köpfe durchs Gatter.
Der Frosch ist fort – die Enten,
Wenn die nur auch fort könnten!
Da kommt der Koch herbei sogleich
Und lacht: “Hehe, jetzt hab’ ich euch!”
Drei Wochen war der Frosch so krank!
Jetzt raucht er wieder, Gott sei Dank!
Wilhelm Busch (1832-1908)
Wilhelm Busch. Sämtliche Werke und eine Auswahl der Skizzen und Gemälde in zwei Bänden
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