Lyrikmail #2115 Ringelnatz – Happy Christmas
Happy Christmas, dear old Un!
Will Dir wer was Böses thun,
Drücke kalten Blutes
Beide Augen zu.
Tu dann dafür doppelt Gutes
Deinem Kuttel Daddeldu.
Joachim Ringelnatz (1883-1934)
Widmung für Max Unhold in “Kuttel Daddeldu”, Weihnachten 1920
siehe auch: Die Weihnachtsfeier des Seemanns Kuttel Daddeldu
Lyrikmail #2114 Bresemann
die feierstunden
1
im herzstill-
stand begehen, so gott will,
einen körper in gedichte verwickeln
wie in geschenkpapier.
bin ich nun endlich
herr im licht-
spielhausbetrieb dieser gospel-
shoppingfiliale?
2
— übrigens geboren wird ja immer.
tage, die dir zufallen,
jeder wie er will, die anderen sind doch
auch nonkonform erzogen,
und du zupfst das jackett zurecht,
und wolltest doch was reißen —
3
und mitten im heiligkeitsgedränge:
wagte ich nicht
den krippensang, überreizte
die orgeln, für nichts als ein augvoll?
und mangelte es nicht allerorten
an god-bless?
so entflammte ich die galeria,
erlöste diese peer-
grube voller nächsten-
liebe, verriß den stammwuchs,
forderte yes-we-can-
burkas für alle menschen und götter,
und dann die knappe not,
als nichts als glanz verblieb,
in jedem nebenraum, denn
weihnacht war: the stores all closed.
4
es muss das fest der liebe sein,
selbst die bordelle ruhn ab vier,
und es muss unverkäuflich sein:
die liebe, überschwang
des jahresendverlangens
nach einer unverbrauchten jacke,
einer idee von nahauslage
in diesem wechselschlußbereich.
Tom Bresemann (*1978)
Die Reihe clicktriebe wird von Tom Bresemann für die lyrikmail herausgegeben, erscheint einmal wöchentlich und präsentiert junge, deutschsprachige und internationale Autor_innen. Tom Bresemann ist Schriftsteller (Gedichtband: Makellos, Berlin 2007, zuletzt Jahrbuch der Lyrik 2009, Lyrik von Jetzt zwei, NEUBUCH, Covering Onetti) und Veranstalter (für die S³ LiteraturWerke, die Lettrétage, die schaubühne am Lehniner PLatz u.a.).
Lyrikmail #2113 Rilke
Advent
Es treibt der Wind im Winterwalde
die Flockenherde wie ein Hirt,
und manche Tanne ahnt, wie balde
sie fromm und lichterheilig wird,
und lauscht hinaus. Den weißen Wegen
streckt sie die Zweige hin – bereit,
und wehrt dem Wind und wächst entgegen
der einen Nacht der Herrlichkeit.
Rainer Maria Rilke (1875-1926)
Lyrikmail #2112 Buechner
Nacht
Wieder eine Nacht herabgestiegen
Auf das alte ew’ge Erdenrund,
Wieder eine Finsternis geworden
In dem qualmerfüllten Kerkerschlund
Georg Büchner (1813-1837)
Lyrikmail #2111 (De) Toys
“Diese Leere des Hirns, das ekelhafte Ressentiment, das er spürte
und das ihn ungerecht machte gegen alle Leute mit anständigen
Anzügen, zufriedenem Antlitz und ruhigem Schritt.”
Walter Rheiner (1895 Köln 1925 Berlin), in: Kokain (Juli 1918)
LEGENDE (HOMMAGE AN DIE HAUPTSTADT)
I
wer A sagt muß auch Berlin betreten der baustelle verblödet
am anfang ist irgendein untergang mit der sonne
prahlen die wörter im lärm der sprachlosen
erfindung von zukunft hat abgedankt
als rauschendes fest der veruntreuten
seele nicht großstadt nicht dorf und
erstrecht kein New York Barcelona und
Belgrad Bayern und Belfast sind überall
irgendein Brecht irgendein Heine
stirbt jede sekunde
die engel heißen nicht Rilke und Rumpelstilzchen
wohnt in der ewigkeit eines toten punktes
des kunstbetriebes
wo alle fluchtversuche zu spielfilmen führen
und führen uns schon zurück
bis die kinderlein schimpfen
wir hätten die große vergangenheit zugebaut
II
haut aufs herz
wir lesen die wahrheit
nur ungerne
von sterbenden lippen
noch einsamer
weltenbürger
aus liebessucht
entarteter
blick zwischen
gerade und gleich
kann niemand warten
wenn sonne und mond
dasselbe schlupfloch
ins diesseits
verschmelzen
III
in vollendeter müdigkeit
durch die schlaflose hitze
der ampelanlagen
vergoldeter herzschläge
den mut zur verzückung
beim atmen von durchsichtigen
falten enträtseln das
eigentlich eigentliche
am ganzen berührung
tut not sobald ängste
die lust überhöhen
IV
Berlin du bist nie mein Paris gewesen
dein winter ist kalt aber nicht ewig
dein frühling brennt sämtliche bilder nieder
bis hoffnungen sanft zu freundschaft verwesen
den hirnkadaver pflanzen wir in die mitte vom park
und tanzen mit gegenlicht auf unserem sarg
während hupen sirenen und kirchenglocken
täglich nichts ungewöhnliches
offenbaren will ich
meine zärtlichkeit aufbewahren
und schenke dir alle geduld
die brüchiger stahlbeton trägt
ohne kreiselverkehr bliebe massengelächter
wir proben den ernstfall noch für uns alleine
kein ballspiel gestattet
der liebe freien lauf
ich vermisse dich
in jedem menschen
V
wen das leben verzaubert kennt keine schranken
die schöpfung erschöpft sich in jedem moment
mit vögelgezwitscher aus allen ecken
der supermarkt ist garnicht weit
wer meint Berlin sei etwas ganz besonderes
sollte mit überraschungen rechnen
nicht mit geld
VI
von fremden umgeben die gleiches tun
mit dir glücklich
von einer zur nächsten gegenwart huschen
die kräne knirschen bis die kuppel glänzt
wir freuen uns auf den besuch von berühmten
langweilern
wer wird dann wen verschonen
VII
an deiner seite dem arbeiterstrom des neuen
tages zwischen asphaltlabyrinthen
touristenbussen und frischen schrippen
zwei wohnungen durch den gemeinsamen namen
entschatten als einsiedler vertrautes
lebensnetz kreuzen und alles
ändern was freiheiten widerspricht
den lachenden handküssen
im sofa auf sand versinken
Berlin versenken Berlin du
strand ohne ozean
VIII
kanalsysteme und schienenterror
beim milchkaffee x-beliebiger straßencafés
vergessen das analphabeth
reicht bis zum kleinen Z
IX
ein wunderbares
verhältnis hat begonnen
egal wohin
X
außerirdische
stimmungsgeräusche verdeutlichen
die heimholung schiffbrüchiger
monaden im spuk
entspannen
Tom (de) Toys (*1968), 19.-21.5.1998, für Edith Balk & Tim Roelofs
HÖRVERSION: http://www.POETryToGo.de & (c) G&GN-ORIGINALQUELLE
(c) G&GN-Institut / EXKLUSIV-Veröffentlichungsrecht für diesen
linksbündigen “LEGENDE”-Nachdruck bei Lyrikmail (Email & Blog).
* der Autor …………………………………………
Geb. 24.1.1968 in Jülich. Als NEUROSOZIOLOGE.de unterwegs: Vertreter einer transreligiös-transrealistischen sogenannten
“Direkten Dichtung”. Lebt seit 1997 in Berlin. Am 5.5.1989 Entdeckung des Lochismuß, 1990 Gründung des Kölner Instituts
für Ganz & GarNix (G&GN), seit 12.12.1994 Entwicklung der Liebeslyrik-Poetologie “Erweiterte Sachlichkeit” (E.S.) zur
Politisierung echter (erfüllter) Liebesgedichte gegen den germanistischen Etikettenschwindel, seit 1996 Sprechgesang
in der Band “Das Rilke Radikal”. 21.6.2000 erster NAHBELL-Preisträger, 11.1.2001 Erfindung der QUANTENLYRIK (neu auf www.Echte-Quantenlyrik.de ), 2010 finale Publikation der Gesamtwerkausgabe “LOCHiSMUß LEiCHTGEMACHT” (mit 1111 Beispielen für Direkte Dichtung 1986-2009) sowie des Werkquerschnitts “ÜBERWELTiGT!” (33 Very Best OFF POEMiE)…
ONLINE: www.neURoDADA.de (DR2) & www.DeToysS.de (S-Klasse)
AKTUELLSTES PROJEKT: www.eRRORROYALe.de (mit Thomas Havlik)
ÜBERSICHT ALLER WEB-AKTIVITÄTEN: www.NewCologneART.de
De Toys sucht subversiven Verlag für sein neuropolitisches Manuskript
“WARUM HAST DU NICHT ZUR ANDEREN SEITE GESCHAUT?”
(93 Kritische Gedichte von Köln bis Neukölln 1993-2008)
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