Lyrikmail #2135 Morgenstern
Wie sich das Galgenkind die Monatsnamen merkt
Jaguar
Zebra
Nerz
Mandrill
Maikäfer
Ponny
Muli
Auerochs
Wespenbär
Locktauber
Robbenbär
Zehenbär.
Christian Morgenstern (1871-1914)
Lyrikmail #2134 Gumz
NACHTS SCHLAFEN DIE LICHTSCHALTER
breiten ihre flügel über unsern blutdruck, starren
in vor schreck sehr schöne augen.
ein auto tickt vorm haus: dahinter dunkel, dunkel
darin (ziemlich blöder unterschied).
so erklären wir einander das bewegliche
der straßenecken (lauter weggeworfene geschwister).
auch unsern versuch, für einen abend leer zu bleiben.
da werden wir wohnen wenn der strom ganz
ausgefallen ist. einen walzer drehen durchs badezimmer.
wir werden lernen, uns zwischen spiegeln zu verstecken.
wenige schritte trennen uns noch.
Alexander Gumz (*1974)
Die Reihe clicktriebe wird von Tom Bresemann für die lyrikmail herausgegeben, erscheint einmal wöchentlich und präsentiert junge, deutschsprachige und internationale Autor_innen. Tom Bresemann ist Schriftsteller (Gedichtband: Makellos, Berlin 2007, zuletzt Jahrbuch der Lyrik 2009, Lyrik von Jetzt zwei, NEUBUCH, Covering Onetti) und Veranstalter (für die S³ LiteraturWerke, die Lettrétage, die schaubühne am Lehniner PLatz u.a.).
Lyrikmail #2133 Schiller
Ausgang aus dem Leben.
Aus dem Leben heraus sind der Wege zwei dir geöfnet,
Zum Ideale führt einer, der and’re zum Tod.
Siehe, wie du bei Zeit noch frei auf dem ersten entspringest,
Ehe die Parze mit Zwang dich auf dem andern entführt.
Friedrich Schiller (1759-1805)
Lyrikmail #2132 Arnim
Zueignung
Es war an des Orangengartens Pforte,
Wo Dich der Wagen donnernd von mir riß; –
Ich sah ihm nach, – so blieb an diesem Orte
Noch etwas mir auf weiter Welt gewiß, –
Der Wagen schwand, der Schmerz kam nun zu Worte,
Es drückte mich der Tränen Finsternis:
All was mir lieb, es sind nun bloß Gedanken,
Und was mir nah, es sind der Aussicht Schranken.
Des Tages Auge sah auf mich hernieder,
Gleich wie ein Leu aus einer Wüstenei,
Zerrissen sind die fest verbundnen Glieder,
Als wir beisammen, waren eins wir zwei;
Blieb mir die Stimme nicht der Klagelieder,
Mir blieb ein Herz, zu fühlen, was vorbei;
Die Welt wird eng, das Herz um so viel bänger,
Die Tage kurz und alle Schatten länger.
Da stand am Weg ein Kreuz aus Stein gehauen,
Mitleidig sah vom Kreuz ein Gott herab,
Ich sehnte mich, ihn einzig anzuschauen,
Vor ihm zu knieen, wie der Bettlerknab,
Der mich verließ, dem Gotte zu vertrauen,
Denn Glockenklang versprach ihm höhre Gab;
Da hielt die Welt so zweifelnd mich gebunden,
Ich wär nicht gerne gleisnerisch befunden.
Da stürzt ich mich ins grüne Meer der Bäume,
Das neben mir im Morgenwind gerauscht,
Derselbe Geist erfüllte diese Räume,
Der dort am Kreuze meinen Schmerz belauscht,
Und daß ich nichts von seiner Gunst versäume,
Die Andacht hat die Bilder leicht vertauscht;
Ein reiner Dienst hält Kirche im Gemüte,
Der Geist sich offenbart in Frucht und Blüte.
So fand ich’s dort bei den Orangenreihen.
Der Gärtner pflückte schon die Blut und Frucht,
Den Vogel hört ich drüber ziehend schreien,
Der Deines Wagens Spuren sehnlich sucht,
Was uns gemeinsam freute unter Maien,
Es zieht Dir nach mit dieses Jahres Flucht,
Die Sehnsucht strahlt manch Bild in meine Seele;
Wem teil ich’s mit, was mich erfreu und quäle?
Es war ein Helm von altem, rost’gen Eisen,
Worin der Gärtner seine Frucht gepflückt,
Manch schwerer Hieb ließ sich darauf noch weisen,
Doch schwerer hat ihn schöne Frucht gedrückt;
So mußt der Helm vor meinen Augen reißen,
Der fest geschmiedet schien und reich beglückt:
Der alten Waffen schwer errungner Segen,
Und schöner Künste Frucht, läßt sich nicht hegen.
Gleichgültig ließ der Gärtner sie da fallen,
Die schöne Frucht, er hatte deren viel,
Da hört ich sie am Boden tönend schallen
Und Schellen schmetterten mit leichtem Spiel;
Ich fand das Tamburin mit Wohlgefallen,
Das unten lag, worauf sie tönend fiel,
Das Schöne ist auf Erden unverloren,
Es klingt zur rechten Zeit, den rechten Ohren.
Es ist so schön in andern sich verlieren,
Und alles klinget dann erhöht zurück,
So mag die Frucht das Tamburin gern zieren,
Das Tamburin bewahrt mit Klang dies Glück,
Ein Schrecken ist der Klang den wilden Tieren
Und ich bewahr die Frucht vor Wintertück;
Dir reich ich beide, die ich so gefunden.
O liebe beide, die mein Glück verbunden.
Wenn wir vereint zum Tempel wieder steigen,
Wer scheidet dann, was jedem lieb am Rhein,
All was uns lieb, das wird sich unser zeigen!
Wird Dir die Frucht des Gartens lieblich sein,
So ist sie ohne Zueignung Dir eigen
Und wird in Deiner Lust dann doppelt mein;
Des Fernen Trost mußt Du mit Lust nun lesen,
Denn mir gilt nichts, was mir allein gewesen.
Achim von Arnim (1781-1831)
Lyrikmail #2131 Guest
4 | Thinking of You Prokofief
The steam settled into the atmosphere
steam in atmosphere
it was cold; so the steam did not move
it became lonely as a field of daffodils
on the earth we kept looking up
on the horizon there was admiration
those waltzes.
And the ivory of our lids felt vaporous
as if crevices were gained in the shell
where our eyes kept their hoods
Thinking of you Prokofief
that tricky snow outside makes a steam indoors
and the china tea we brew keeps us quick
as Prokofief
whose doors slam.
Steam never lessens its latitude
in the sky
like Prokofief
while many cars creep over the bridge sweating
finally equipped
with their Mahler treads.
Barbara Guest (1920-2006)
Übersetzung:
4 | In Gedanken an Prokofieff
Der Dampf setzte sich in der Atmosphäre
Dampf in Atmosphäre
so kalt war es; deshalb bewegte sich der Dampf nicht
er wurde einsam wie ein Feld gelber Narzissen
auf der Erde wir schauten weiter hinauf
am Horizont zeigte sich Bewunderung
diese Walzer.
Und das Elfenbein unserer Lider fühlte sich dampfartig an
als ob Risse in der Schale gewonnen würden
in der unsere Augen ihre Hauben verwahren
In Gedanken an dich Prokofieff
macht der übermütige Schnee da draußen innen Dampf
und der Chinatee den wir aufbrühen hält uns munter
wie Prokofieff
dessen Türen zuschlagen.
Dampf verringert niemals seine Breite
am Himmel
wie Prokofieff
während viele Autos schwitzend über die Brücke kriechen
endlich ausgerüstet
mit ihren Mahler-Profilen.
Barbara Guest (1920-2006)
übersetzt von Johannes Beilharz
Das Gedicht entstammt dem Band:
Barbara Guest: Fallschirme, Geliebter. Ausgewählte Gedichte aus fünf Jahrzehnten. Zweisprachig.
Aus dem Amerikanischen von Johannes Beilharz. Mit einem Nachwort von Peter Gizzi und mit Aquarellen
von Annette Kühn nach Motiven von Margaret Bourke-White. 240 S. luxbooks, Wiesbaden 2008.
ISBN 978-3-939557-24-1. 24,00 Euro www.luxbooks.de
Barbara Guest: Fallschirme, Geliebter. Ausgewählte Gedichte aus fünf Jahrzehnten.
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