Der Wochenrückblick KW 8
Die Woche begann mit einem Epigramm des Freiherrn von Logau. Langes Leben ist ein Segen, dichtete der schlesische Barockpoet.
Der Zufall wollte es, dass am Dienstag ebenfalls ein schlesischer Dichter den Lesern der Lyrikmail vorgestellt wurde. Der unglückliche Johann Christian Günther nimmt in seinen Zeilen Abschied von einer ungetreuen Liebsten.
In den Pariser Park Monceau führte uns am Mittwoch Theobald Tiger, auch bekannt als Kurt Tucholsky, der sich (in der Weltbühne am 15. Mai 1924 ) in Paris von seinem Vaterland erholte. Tucholskys Zeilen, so wehmütig sie auch sind, machen so ganz nebenbei große Lust auf den Frühling :
Die Kinder lärmen auf den bunten Steinen.
Die Sonne scheint und glitzert auf ein Haus.
Ich sitze still und lasse mich bescheinen
Zwölf Menschen, die bei Facebook registriert sind, haben bei diesem Gedicht auf „gefällt mir“ geklickt.
Die junge bolivianische Autorin Rery Maldonado, die wir am Donnerstag den Lesern der Lyrikmail vorstellten, war auf dem Potsdamer Platz in Berlin und hat sich dann für ein paar Zeilen zurückgezogen. Auf Facebook gefällt das vier Lesern. Ina B. spart sich diesmal ihre „bösen Kommentare“.
Am Freitag nahm uns Ludwig Uhland mit in den Frühling eines Rezensenten. Seine Zeilen sprachen vielen aus der Seele.
Frühling ist’s, ich laß es gelten,
Und mich freut’s, ich muß gestehen,
Daß man kann spazieren gehen,
Ohne just sich zu erkälten.
Und weil’s so schön ist und der Frühling, zumindest aus meteorologischer Sicht, am 1. März beginnt, verweisen wir auf ein Gedicht aus dem Lyrikmailarchiv, das Hoffnung machen sollen.
Paul Heyse Vorfrühling
Zum Schluss eine These: David Gelernter schreibt in seinem Manifest „Die Zukunft des Internets“ (FAS, 28.02.2010): „Die Textverarbeitung ist eine der erfolgreichsten Erfindungen, die es je gab; für die meisten Autoren ist sie nicht nur nützlich, sondern unverzichtbar. Wenn aber die entsprechende Software unverzichtbar ist – was hat sie Gutes bewirkt? Hat sie die Qualität dessen verbessert, was in unserer Gesellschaft geschrieben wird? Natürlich nicht. Man vergleiche die Lyrik oder Prosa, die Zeitungen oder wissenschaftlichen Zeitschriften unserer Tage mit denselben Produkten von vor fünfzig Jahren: Von einer Verbesserung kann keine Rede sein.“
Lyrikmail #2155 Uhland
Frühlingslied des Rezensenten
Frühling ist’s, ich laß es gelten,
Und mich freut’s, ich muß gestehen,
Daß man kann spazieren gehen,
Ohne just sich zu erkälten.
Störche kommen an und Schwalben,
Nicht zu frühe, nicht zu frühe!
Blühe nur, mein Bäumchen, blühe!
Meinethalben, meinethalben!
Ja! ich fühl ein wenig Wonne,
Denn die Lerche singt erträglich,
Philomele nicht alltäglich,
Nicht so übel scheint die Sonne.
Daß es keinen überrasche,
Mich im grünen Feld zu sehen!
Nicht verschmäh ich auszugehen,
Kleistens Frühling in der Tasche.
Ludwig Uhland (1787-1862)
Lyrikmail #2154 Maldonado
Potsdamer Platz
Ja, es stimmt, Krokodile und
Tagschläfer hören nie zu weinen auf.
Und jetzt, mit mehr Recht als je zuvor,
jetzt, da sie zu Stiefeletten
gegerbt und geschustert wurden,
mit Gummisohlen -
keine Ahnung, ob sie Klasse haben
oder die Klasse
der Klasse von Schuhen,
die perfekt zur Tasche passen
und durchs Leben staksen,
ohne einen blassen Schimmer.
Ein Kaiman auf leisen Sohlen
auf dem Potsdamer Platz,
anyway meilenweit von seiner K¨ste.
Rery Maldonado (*1976)
Übersetzt von Timo Berger
Die Reihe clicktriebe wird von Tom Bresemann für die lyrikmail herausgegeben, erscheint einmal wöchentlich und präsentiert junge, deutschsprachige und internationale Autor_innen. Tom Bresemann ist Schriftsteller (Gedichtband: Makellos, Berlin 2007, zuletzt Jahrbuch der Lyrik 2009, Lyrik von Jetzt zwei, NEUBUCH, Covering Onetti) und Veranstalter (für die S3 LiteraturWerke, die Lettretage, die schaubühne am Lehniner PLatz u.a.).
Lyrikmail #2153 Tucholsky
Park Monceau
Hier ist es hübsch. Hier kann ich ruhig träumen.
Hier bin ich Mensch – und nicht nur Zivilist.
Hier darf ich links gehn. Unter grünen Bäumen
sagt keine Tafel, was verboten ist.
Ein dicker Kullerball liegt auf dem Rasen.
Ein Vogel zupft an einem hellen Blatt.
Ein kleiner Junge gräbt sich in der Nasen
und freut sich, wenn er was gefunden hat.
Es prüfen vier Amerikanerinnen,
ob Cook auch recht hat und hier Bäume stehn.
Paris von außen und Paris von innen:
sie sehen nichts und müssen alles sehn.
Die Kinder lärmen auf den bunten Steinen.
Die Sonne scheint und glitzert auf ein Haus.
Ich sitze still und lasse mich bescheinen
und ruh von meinem Vaterlande aus.
Kurt Tucholsky (1890-1935)
veröffentlicht unter dem Pseudonym Theobald Tiger in Die Weltbühne, 15.05.1924, Nr. 20, S. 664,
Park Monceau ist ein Park in Paris
Lyrikmail #2152 Günther
Abschied von seiner ungetreuen Liebsten
Wie gedacht,
Vor geliebt, jezt ausgelacht.
Gestern in die Schoos gerißen,
Heute von der Brust geschmißen,
Morgen in die Gruft gebracht.
Wie gedacht,
Vor geliebt, jezt ausgelacht.
Dieses ist
Aller Jungfern Hinterlist:
Viel versprechen, wenig halten;
Sie entzünden und erkalten
Öfters, eh ein Tag verfliest.
Dieses ist
Aller Jungfern Hinterlist.
Dein Betrug,
Falsche Seele, macht mich klug;
Keine soll mich mehr umfaßen,
Keine soll mich mehr verlaßen,
Einmahl ist vorwahr genug.
Dein Betrug,
Falsche Seele, macht mich klug.
Dencke nur,
Ungetreue Creatur,
Dencke, sag ich, nur zurücke
Und betrachte deine Tücke
Und erwege deinen Schwur.
Dencke nur,
Ungetreue Creatur!
Hastu nicht
Ein Gewißen, das dich sticht,
Wenn die Treue meines Herzens,
Wenn die Größe meines Schmerzens
Deinem Wechsel widerspricht?
Hastu nicht
Ein Gewißen, das dich sticht?
Bringt mein Kuß
Dir so eilends Überdruß,
Ey so geh und küße diesen,
Welcher dir sein Geld gewiesen,
Das dich warlich blenden muß,
Bringt mein Kuß
Dir so eilends Überdruß.
Bin ich arm,
Dieses macht mir wenig Harm;
Tugend steckt nicht in dem Beuthel,
Gold und Schmuck macht nur die Scheitel,
Aber nicht die Liebe warm.
Bin ich arm,
Dieses macht mir wenig Harm.
Und wie bald
Mißt die Schönheit die Gestalt!
Rühmstu gleich von deiner Farbe,
Daß sie ihres gleichen darbe,
Auch die Rosen werden alt.
Und wie bald
Mißt die Schönheit die Gestalt!
Weg mit dir,
Falsches Herze, weg von mir!
Ich zerreiße deine Kette,
Denn die kluge Henriette
Stellet mir was Beßers für.
Weg mit dir,
Falsches Herze, weg von mir!
Johann Christian Günther (1695-1723)
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