Lyrikmail #2275 Wagner

elegie für knievel

      „God, take care of me – here I come…“

die landschaft zog schlieren, sobald sie ihn sah.
ein draufgänger, ein teufelskerl
mit einem hemd voller sterne
und stets verfolgt von dem hornissenschwarm
des motorenlärms. die knochen brachen,
die knochen wuchsen zusammen, und er sprang.

wieviele hindernisse zwischen rampe
und jenem fernen punkt?
wieviele ausrangierte doppeldecker?
was war ihm der zweifel, der sich eingräbt
im innern, bis ein ganzer cañon klafft
mit rieselndem sand an den rändern,
den schreien großer vögel?

nachmittage, an denen sich die geschichte
für einen augenblick niederließ,
um nach popcorn und abgas zu duften.
wie hier, in yakima, washington,
mit diesem zerbeulten mond überm stadion
und tausenden, denen der atem stockt:
fünfzehn, zwanzig busse und das rad
steht in der luft.

Jan Wagner (*1971)

aus: „Australien“, Berlin Verlag 2010

Die Reihe clicktriebe wird von Tom Bresemann für die Lyrikmail herausgegeben, erscheint einmal wöchentlich und präsentiert gegenwärtliche Gedichte deutschsprachiger und internationaler Autor_innen. Tom Bresemann ist Schriftsteller (Gedichtband: Makellos, Berlin 2007, zuletzt Jahrbuch der Lyrik 2009, Lyrik von Jetzt zwei, NEUBUCH, Covering Onetti), Veranstalter (u.a. für die S³ LiteraturWerke, die Lettrétage) und Heraugeber (u.a. Wat los, Parzen?).

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Lyrikmail #2274 Schiller

Der Flüchtling

Frisch atmet des Morgens lebendiger Hauch,
Purpurisch zuckt durch düst’rer Tannen Ritzen
Das junge Licht, und äugelt aus dem Strauch,
In gold’nen Flammen blitzen
Der Berge Wolkenspitzen,
Mit freudig melodisch gewirbeltem Lied
Begrüßen erwachende Lerchen die Sonne,
Die schon in lachender Wonne
Jugendlich schön in Auroras Umarmungen glüht.

Sei Licht mir gesegnet!
Dein Strahlenguß regnet
Erwärmend hernieder auf Anger und Au.
Wie silberfarb flittern
Die Wiesen, wie zittern
Tausend Sonnen im perlenden Tau!
In säuselnder Kühle
Beginnen die Spiele
Der jungen Natur,
Die Zephyre kosen
Und schmeicheln um Rosen,
Und Düfte beströmen die lachende Flur.

Wie hoch aus den Städten die Rauchwolken dampfen,
Laut wiehern und schnauben und knirschen und strampfen
Die Rosse, die Farren,
Die Wagen erknarren
Ins ächzende Tal.
Die Waldungen leben
Und Adler, und Falken und Habichte schweben,
Und wiegen die Flügel im blendenden Strahl.
Den Frieden zu finden,
Wohin soll ich wenden
Am elenden Stab?
Die lachende Erde
Mit Jünglingsgebärde
Für mich nur ein Grab?

Steig empor, o Morgenrot, und röte
Mit purpurnem Kusse Hain und Feld,
Säus’le nieder Abendrot und flöte
Sanft in Schlummer die erstorb’ne Welt.
Morgen – ach! du rötest
Eine Totenflur,
Ach! und du, o Abendrot! umflötest
Meinen langen Schlummer nur.

Friedrich Schiller (1759-1805)

Die Gedichte (insel taschenbuch)

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Lyrikmail #2273 Logau – Sich selbst besiegen

Sich selbst besiegen

Sich selbselbsten Überwinden ist der allerschwerste Krieg;
Sich selbselbsten Überwinden ist der allerschönste Sieg.

Friedrich Freiherr von Logau (1604-1655)

Gedichte des Barock

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Lyrikmail #2272 Milautzcki

Rügen

Oh wie sie da…..
Oh wie sie das sitzt wie sie da
sitzt wie ein Eimer der voll
ist wie sie das sitzt wie ein Eimer
der voll ist sitzt wie sie da ist

Oh wie sie schimpft….
laut wie sie schimpft wie sie da
sitzt wie ein Schimpfer der eim
ist wie sie da schimpft im Gesitze
eim wie er voll ist wie sie das ist

Oh wie sie d’Hand hält-
Luft mit die Drohung von Schimpf eim
wie sie da sitzt mit ihrm Schimpfen
ist wie ein Schimpfer mit Eimern ihr Drohen
zu schütt wie er voll ist von wie sie das ist

Oh wie s’ihms schimpft –
lang mit dem Lauten wie er da steht
wie er nass ist vom Lauten wo er da steht
daß ‘sihms langt von ihrm Schimpfen das Eimer
daherträgt und schüttet wie voll s’ist wie sie da ist

Voll bis Du schimpft ihrm
den Buben und sitzt wie sie da
sitzt oh wie ein Eimer der voll ist
wie sie da sitzt wie ein Eimer
voll bist Du schimpft sie dem Buben vom Liege
stuhl
aus!

Frank Milautzcki (*1961)

Zuletzt erschien “Hemden denken“, FIXPOETRY – Leseheft No. 5, 2009
Langustenbäume, die auch reden“, Leseheft Nr. 15, Gedichte von Frank Milautzcki
und Collagen von Stefan Heuer.

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Lyrikmail #2271 Heym

Die Bienen fallen in den dünnen Röcken
Im Raufreif tot aus den verblaßten Lüften
Die nicht mehr kehren rückwärts zu den Stöcken.

Die Blumen hängen auf den braunen Stielen
An einem Morgen plötzlich leer von Düften,
Die bald im Staub der rauhen Winde sielen.

Die langen Kähne, die das Jahr verschlafen,
Mit schlaffem Wimpel hängend in der Schwäche,
Sind eingebracht im winterlichen Hafen.

Die Menschen aber, die vergessen werden,
Hat Winter weit zerstreut in kahler Fläche
Und bläst sie flüchtig über dunkle Erden.

Georg Heym (1887-1912)

Umbra Vitae: Nachgelassene Gedichte. Mit 47 Originalholzschnitten von Ernst Ludwig Kirchner

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