Lyrikmail #2296 Lenau – Neid der Sehnsucht
Neid der Sehnsucht
Die Bäche rauschen
Der Frühlingssonne,
Hell singen die Vögel,
Es lauschen die Blüten,
Und sprachlos ringen
Sich Wonnedüfte
Aus ihrem Busen;
Und ich muß trauern,
Denn nimmer strahlt mir
Dein Aug, o Geliebte! –
Nicht über den Wellen
Des Ozeanes,
Nicht über den Sternen
Und nicht im Lande
Der Phantasien
Ist meine Heimat;
Ich finde sie nur
In deinem Auge!
Was je mir freudig
Beseelte das Leben,
Was nach dem Tode
Mir weckte die Sehnsucht,
Entschwundner Kindheit
Fröhliche Tage
Und meiner Jugend
Himmlische Träume,
Von meinen Toten
Trauliche Grüße
Und meiner Gottheit
Stärkenden Anblick,
Das alles find ich
In deinem Auge,
O meine Geliebte!
Nun bist du ferne,
Und bitter beneiden
Muß jeden Stein ich
Und jede Blume,
Beneiden die kalten
Menschen und Sterne,
An die du vergeudest
Die süßen Blicke.
Nikolaus Lenau (1802-1850)
Lyrikmail #2295 Domeneck
§§§
Endlich dämmert’s mir im Hirn,
süßer Jonas von whales, den Walen,
warum die Götter Inzest miss-
billigen, dieses advertisement
oder entertainment im Kreis der
Familie, Recycling ad aeternitatem
oder homogener Sex am Rande
(wie auch Huldigung seiner selbst)
als maximale Sparsamkeit. Gesetze
gestatten kein fellatio in toilets
keine öffentliche Leistengegend,
sind unleserlich wie Coca-Cola,
cocaína & Co oder andere illegale
Substantive unserer Lyrik und
Literatur. Dein Ricardo weiß, der
Fisch stinkt vom Kopf her, und das
ist der ewige Haken, Mund im Penis
von Buben, doch seid gewiss, den Tritt
in den Hintern gönn ich euch nicht.
Pedicabo ego vos et irrumabo.
Werde weiterhin die Fußtrittnote
im Anhang eurer Gehirne sein
bis ich, geduldiger und devoter
Sklave, sie satt bin, die Überstunden
im Peitschen und Verpeilen
eurer bezaubernden Spalte.
Ricardo Domeneck (*1977)
(Übertragung aus dem Portugiesischen: Odile Kennel)
Die Reihe clicktriebe wird von Tom Bresemann für die Lyrikmail herausgegeben, erscheint einmal wöchentlich und präsentiert gegenwärtliche Gedichte deutschsprachiger und internationaler Autor_innen. Tom Bresemann ist Schriftsteller (Gedichtband: Makellos, Berlin 2007, zuletzt Jahrbuch der Lyrik 2009, Lyrik von Jetzt zwei, NEUBUCH, Covering Onetti), Veranstalter (u.a. für die S³ LiteraturWerke, die Lettrétage) und Heraugeber (u.a. Wat los, Parzen?).
Lyrikmail #2294 Tieck – Olevano
Olevano
Müde bin ich angelangt,
In diese Bergeinsamkeit,
Umstarrt von nahen und fernen Felsen,
Vor mir die dunkle kleine Stadt,
Drüben am zackigen Gipfel
Hängend die Burg.
Und der Vollmond
Leuchtet vom klaren Himmel,
Und wie ich schlummre,
Tönt helles Gelächter
Und Ton von Zittern
Und tanzendes Gaukeln
In meinen Schlaf,
Vom Vorsaal herüber.
So weich, so warm, so hell
War noch keine Sommernacht,
Kein Schlummer so süß,
Keine Störung des Schlafes
Je so erfreulich,
Denn wie ich das Auge
Matt halb öffne
Stralt im Glanz das Gebirge,
Der Mond vom reinen Himmel,
Der Scherz der Mädchen und Freunde,
Und lächelnd schlummr’ ich wieder ein.
Ludwig Tieck (1773-1853)
Lyrikmail #2293 Brockes
Die Welt
1.
Den schönen Bau der Welt sieht, leider! jedermann,
Durch seiner Leidenschaft verkehrtes Fern-Glas, an,
Das alles, nur nicht sich, verkleinert und entfernet,
Durch welches man nur sich allein vergrössern lernet.
2.
Nur sich allein; denn was man sonsten sieht und hört,
Wofern man’s nicht, aus Geitz und Noth, für sich begehrt,
Das sieht und hört man nicht: Man würdigt Gottes Wercke
Bey weitem nicht so viel, daß man sie nur bemercke.
3.
Dem Kaufmann kommt die Welt nur bloß, als ein Contor,
Als eine Wechsel-Banck, als eine Messe, vor.
Voll Hoffnung zum Gewinn, voll Sorg’ und Furcht für Schaden,
Denckt er: Die Erde sey ein grosser Kaufmanns-Laden.
4.
Ein Alexander glaubt: Es sey der Kreis der Welt
Nichts, als ein grosser Platz; nichts, als ein weites Feld,
Bequem, sich mit dem Feind darauf herum zu schlagen,
Und eben groß genug, um seinen Thron zu tragen.
5.
Frag’t den verliebten P–, was ihm der Erd-Kreis sey?
Ach! ruft er, gantz ersäuft in süsser Bulerey:
Er ist ein Aufenthalt, ein Wohn-Platz meiner Schönen,
Ein nettes Schlaf-Gemach der holden Dulcimenen.
6.
Ein Jäger denckt und spricht: Es ist die Welt ein Wald,
Des Wildes Lager-Statt, der Hasen Aufenthalt,
Und, mit Vergnügen steif vom täglichen Gerenne,
Begreift er nicht, wie man in Städten wohnen könne.
7.
Es ist dem Handwercksmann, der auf der Werck-Statt schwitzt,
Die Werck-Statt seine Welt, die er für sich besitzt.
Er braucht des Schöpfers Bild, den Geist, zusamt den Sinnen,
Zu nichts, als Käse, Brodt und Brantwein zu gewinnen.
8.
Scheint ein Gelehrter nicht, die Erde, die so schön,
Als einen Bücher-Schranck, tiefsinnig anzusehn:
Den er mit neuen theils, und theils mit alten Grillen,
In allerley Format, gehalten sey zu füllen?
9.
Ein Dichter bild’t sie sich, wie einen Pindus, ein,
Und schreibt er gleich, wie T–, glaubt er Apoll zu seyn.
Er denckt, es könne nichts so grossen Nutzen bringen,
Ja nichts so nöthig seyn, als Wort’ in Reime zwingen.
10.
Ha! spricht ein Zeitungs-Narr, und lacht mit lauter Stimm’:
Ich seh’ mich auf dem Kreis der Welt gantz anders üm:
Ich weis, wo jedes Reich in Ost- und Westen lieget,
Und wette, daß zuletzt der Schwede doch noch sieget.
11.
Wie ein Astrologus, nach seinen Gründen, schreibt:
So scheint es, daß er dieß vom Erden-Circkel gläubt:
Sie sey für jedermann, durch der Planeten Gläntzen,
Mit Linien bestrahlt, gespickt mit Influentzen.
12.
Ein Advocat, der nichts, als dreh’n und schmählen kann,
Sieht bloß, als ein Gericht, den Kreis der Erden an.
Die Menschen theilt er ein; die besten sind Clienten,
Und zwar die Seinigen, die andern, Delinquenten.
13.
Ein Artzt beschaut den Kreis der Welt, als ein Spital:
Ihn kränckt der Menschen Wohl, er lebt von ihrer Qual:
Sein Zweck (ob seine Kunst gleich zu was edlers führet)
Ist: wenn, durch ihn, die Welt brav schwitzet und purgiret.
14.
Es schreibt ein Philosoph: Die Erd’ ist ein Planet,
Der jährlich um die Sonn’, um sich sich täglich, dreht;
Der oft in Hitz’ und Frost, in Licht und Schatten
stecket,
Woran der äuss’re Rand mit Narren gantz bedecket.
15.
Ein Frommer aber glaubt mit Recht: Es sey die Welt
Ein Buch, das Göttliche Geheimniss’ in sich hält:
Ein Buch, das Gottes Hand, aus ew’ger Huld getrieben,
Zu Seines Namens Ehr’, und unsrer Lust, geschrieben.
16.
Ein Buch, das man mit Recht das Buch der Weisheit nennt,
Aus dessen Inhalt man den wahren Gott erkennt.
Man kann, o Wunder! hier die Schrift von Gottes Wesen
Nicht mit den Augen nur, mit allen Sinnen, lesen.
17.
Durch’s Ohr, lies’t unser Geist die Zieffern Seiner Macht;
Durch’s Auge, fühlen wir die Strahlen Seiner Pracht;
Die Zunge spür’t die Kraft der Göttlich-süssen Triebe;
Man schmecket, im Geruch, den Balsam Seiner Liebe;
18.
Es ist ein jeglicher Gesichts-Kreis hier ein Blatt;
Der Sonnen Strahl und Licht sind GOTT an Griffels statt;
Die Elementen Dint’; und alle Creaturen,
Im Himmel, Erd’ und Meer, sind Lettern und Figuren.
19.
O unbegreiflichs Buch! O Wunder – A, B, C!
Worin, als Leser, ich, und auch als Letter, steh!
Laß, grosser Schreiber, mich im Buche dieser Erden,
Zu Deines Namens Ruhm, ein lauter Buchstab werden!
20.
Laß mich von dieser Schrift die Züge, die so schön,
Mit immer frischem Blick, empfinden, schmecken, sehn!
Gib aber, daß ich stets, in diesem grossen Buche,
Mit frohem Fleiß, nur Dich, den wahren Inhalt, suche!
21.
Laß mich, o grosses ALL! die gantze Lebens-Zeit,
Mit aufgewecktem Geist, der Sinnen Trefflichkeit,
Samt ihrem Gegenwurf, die Welt, für Mittel schätzen,
Wodurch, zu Deiner Ehr’, der Mensch sich soll ergetzen!
22.
Es schwäche nicht den Muth der Trägheit stille Kraft!
Den Geist beneb’le nicht der Dampf der Leidenschaft!
Laß die Unachtsamkeit sich nicht des Ohrs bemeistern!
Laß ja Gewohnheit mir die Augen nicht verkleistern!
23.
Ist denn kein eintziger, der mit Vernunft ermisst,
Daß, Gott zum Ruhm, die Welt für uns erschaffen ist?
Wirf einmahl einen Blick, o Mensch, auf dich von innen,
Auf deiner Seelen Sitz und Werckzeug, auf die Sinnen!
24.
Was von dem grossen ALL in Seinem Worte steht,
Was aus der Priester Mund von Seinem Willen geht,
Den Buchstab und die Kraft von solchen süssen Lehren,
Kann unser Auge sehn, die Ohren können’s hören.
25.
Daß aber unser Gott nicht durch die zween allein,
Nein, auch durch’s Buch der Welt, woll’ angebethet
seyn,
Bezeugen jene drey, weil Fühlen, Riechen, Schmecken
Sich eintzig auf die Welt, auf anders nichts, erstrecken.
26.
Daher auch unsre Pflicht sich dann am besten zeigt,
Mann jemand, durch’s Geschöpf, zum grossen Schöpfer steigt,
Sich seiner Wercke freut: Denn selbe nicht betrachten,
Heisst Gottes Liebe, Macht und Majestät verachten.
27.
So braucht, ihr Sterblichen, den Geist, den GOTT euch schenckt,
Zu Seiner Ehr’ allein! Doch irr’t ihr, wenn ihr denckt:
Durch diese Lehre sey die Arbeit aufgehoben.
Es kann ein jeder Gott, bey seiner Arbeit, loben.
28.
Auf seiner Werck-Statt seh’ ein jeder Handwercks-Mann
Sein Zeug, als ein Geschöpf des weisen Schöpfers, an!
Der Schneider seh’ sein Tuch, der Schuster schau’ sein Leder,
Als Schrift und Lettern, an, aus Gottes Allmachts-Feder!
29.
Wodurch Er Seine Macht, zu unserm Nutz, beschreibt.
Wer, ohn’ auf Gott zu sehn, sein Thun und Handwerck treibt,
Der unterscheidet sich, am Geist, nicht von den Thieren,
Die gleich so gut, als wir, sehn, hören, schmecken, spüren.
30.
Soll uns nun über sie ein Vorzugs-Recht erhöh’n;
So kann dasselbe ja in anders nichts bestehn,
Als daß man den Verstand auch, nebst den Sinnen, brauche,
Und so, aus unsrer Lust, ein Andachts-Opfer rauche.
31.
Betrachtet, was, wodurch, und ja, aus wessen Kraft
Ihr sehet, was ihr seht! Ihr seht die Eigenschaft:
Ihr seht sie, durch die Sonn’; ihr seht sie, bloß aus Liebe,
Die Gott, euch Sonn’ und Welt, aus nichts, zu schaffen, triebe.
32.
So ruf’t denn stets, erfreut durch der Geschöpfe Pracht:
Dieß ist so schön! dieß hat ein weiser Gott gemacht!
Gott Lob, daß es so schön. Gott Lob, daß mir die Sonne
Die Welt, durch’s Auge, zeigt, und zwar zu meiner Wonne.
33.
Wer also jederzeit, mit fröhlichem Gemüth’,
In allen Dingen Gott, als gegenwärtig, sieht;
Wird sich, wann Seel’ und Leib sich, durch die Sinne, freuen,
Dem grossen Geber ja zu widerstreben, scheuen.
34.
Aus Unerkenntlichkeit kommt alle Bosheit her.
Der beste Gottes-Dienst ist, sonder Zweifel, der:
Wenn man vergnüget schmeckt, recht fühlt, riecht, sieht und höret,
Aus Schaam, die Laster hasst; aus Liebe, Gott verehret.
Barthold Hinrich Brockes (1680-1747)
aus Brockes: Irdisches Vergnügen in Gott.
Lyrikmail #2292 Morgenstern
Der Papagei
Es war einmal ein Papagei,
der war beim Schöpfungsakt dabei
und lernte gleich am rechten Ort
des ersten Menschen erstes Wort.
Des Menschen erstes Wort war A
und hieß fast alles, was er sah,
z.B. Fisch, z.B. Brot,
z.B. Leben oder Tod.
Erst nach Jahrhunderten voll Schnee
erfand der Mensch zum A das B
und dann das L und dann das Q
und schließlich noch das Z dazu.
Gedachter Papagei indem
ward älter als Methusalem,
bewahrend treu in Brust und Schnabel
die erste menschliche Vokabel.
Zum Schlusse starb auch er am Zips.
Doch heut noch steht sein Bild in Gips,
geschmückt mit einem grünen A,
im Staatsschatz zu Ekbatana.
Christian Morgenstern (1871-1914)
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