Lyrikmail #2318 lafleur
justin fashanu
er sah aus wie ne fantasie aus futuristischem
material. jung, schwarz & huebsch. kostete ne
million pfund. das hatte’s noch nie gegeben
solch eine summe fuer einen neger aus dem
heim. konjunkturspritze fuer den handel
mit helden & deren recyclingfaehigem schicksal
die rotationsmaschinen liefen sich warm. wo
kaufst du dein brot? fragte sein trainer. na in
der baeckerei. & deine lammhaxen, wo kaufst
du die? beim metzger, wuerd ich mal sagen
ganz normal! also hoer endlich auf in diese
schwulenbars zu rennen, scheiszschwuchtel!
das hatte er schon geahnt. es wuerde nicht
gutgehn. das tor stand in einer anderen welt
& als er, das visum dafuer zu erlangen, den
christen beitrat, geiszelten die seine seele
minutioes fuer jeden gleichgeschlechtlichen
akt. ein strick wand sich langsam um seinen
hals & er ging damit an die presse: leute, es
ist wie es ist. da wandten sich selbst seine
brueder mit saetzen & entsetzen ab: schaut
sie euch an, die prinzessin! jammert rum &
schadet dem volk. er plapperte dann in den
talkshows. das war vom volk schon gewollt
stan lafleur (*1968)
Fashanu, Justin (1961–1998) – britischer Fußballer. Bekannte als erster und bisher einziger aktiver Profi seine Homosexualität. Fashanus Karriere und Leben scheiterten offenbar unter dem ständigen Druck, den sein Outing nach sich zog (siehe auch Wikipedia).
aus: die welt auf dem fusz. Fußballgedichte mit Halbzeitpause
von stan lafleur erschienen im Koall Verlag 2006, 11,90 Euro.
hier bestellen
Lyrikmail #2317 Heine – Es war ein alter König
Es war ein alter König,
Sein Herz war schwer, sein Haupt war grau;
Der arme alte König,
Er nahm eine junge Frau.
Es war ein schöner Page,
Blond war sein Haupt, leicht war sein Sinn;
Er trug die seidne Schleppe
Der jungen Königin.
Kennst du das alte Liedchen?
Es klingt so süß, es klingt so trüb!
Sie mußten beide sterben,
Sie hatten sich viel zu lieb.
Heinrich Heine (1797-1856)
Lyrikmail #2316 Nietzsche
Diese Münze, mit der
alle Welt bezahlt,
Ruhm –,
mit Handschuhen fasse ich diese Münze an,
mit Ekel trete ich sie unter mich.
Wer will bezahlt sein?
Die Käuflichen…
Wer feil steht, greift
mit fetten Händen
nach diesem Allerwelts-Blechklingklang Ruhm!
– Willst du sie kaufen?
Sie sind alle käuflich.
Aber biete viel!
klingle mit vollem Beutel!
– du stärkst sie sonst,
du stärkst sonst ihre Tugend…
Sie sind alle tugendhaft.
Ruhm und Tugend – das reimt sich.
So lange die Welt lebt,
zahlt sie Tugend-Geplapper
mit Ruhm-Geklapper –,
die Welt lebt von diesem Lärm…
Vor allen Tugendhaften
will ich schuldig sein,
schuldig heißen mit jeder großen Schuld!
Vor allen Ruhms-Schalltrichtern
wird mein Ehrgeiz zum Wurm –,
unter solchen gelüstets mich,
der Niedrigste zu sein…
Diese Münze, mit der
alle Welt bezahlt,
Ruhm –,
mit Handschuhen fasse ich diese Münze an,
mit Ekel trete ich sie unter mich.
Friedrich Nietzsche (1844-1900)
Lyrikmail #2315 Duraj
twist and shout
fassaden. schon wieder fassaden. abgasgrau-chic, nachahmer
nach der nächsten kreuzung nie ausgeschlossen. sie fallen auf
beim beobachten, betasten. im frühjahr und stets. es helfen
keine hybriden und die laubtragenden machen uns nichts vor:
es regnet. es regnet nicht. schnee hatte seinen auftritt, dann
taute der dreck. sagen wir zum beispiel, in sandaletten gehen
soziale konstrukte auf & ab, werde ich geil. soviel bein. schuld
ist der beichtstuhlgang, machen wir uns nichts vor, lassen den
scheiß, zurück zum oberflächlichen. sozialistengrau. nein nach
all den kalten zeiten sind fetische so gewöhnlich wie die röcke
dazu. dabei aber an die drake-gleichung denken, das hoffen was
uns nicht weiterbringt. der sache nicht näher. sie, ich nehme
an, sie ist eine sie, besinnt sich auf haptisches, all diese tastschärfe
entlang der membran von haus und hand. hat was für
sich. bleibe nicht indifferent gegenüber den architekten der
zweckbauten, des hochgeschossenen wiederaufbaus, der wunder
jahre. bauhausepigonen. was soll der titel dort? aber sprechen wir
nicht von früchten dafür ist es zu früh, nicht früh genug. s’ist erst
abends, meine ich, nicht erntezeit, kirschen klischee, präpositionen
zu richtig. ein grauen jetzt, comme ci, comme ça, so antik, sie
lächelt, bald, denn sie weiß von mir
Richard Duraj (*1984)
Die Reihe clicktriebe wird von Tom Bresemann für die Lyrikmail herausgegeben, erscheint einmal wöchentlich und präsentiert gegenwärtliche Gedichte deutschsprachiger und internationaler Autor_innen. Tom Bresemann ist Schriftsteller (Gedichtband: Makellos, Berlin 2007, zuletzt Jahrbuch der Lyrik 2009, Lyrik von Jetzt zwei, NEUBUCH, Covering Onetti), Veranstalter (u.a. für die S³ LiteraturWerke, die Lettrétage) und Heraugeber (u.a. Wat los, Parzen?).
Lyrikmail #2314 Goethe
Jene garstige Vettel
Jene garstige Vettel,
Die buhlerische,
Welt heißt man sie,
Mich hat sie betrogen
Wie die übrigen alle.
Glaube nahm sie mir weg,
Dann die Hoffnung,
Nun wollte sie
An die Liebe,
Da riß ich aus.
Den geretteten Schatz
Für ewig zu sichern,
Teilt ich ihn weislich
Zwischen Suleika und Saki.
Jedes der beiden
Beeifert sich um die Wette,
Höhere Zinsen zu entrichten.
Und ich bin reicher als je:
Den Glauben hab ich wieder!
An ihre Liebe den Glauben;
Er, im Becher, gewährt mir
Herrliches Gefühl der Gegenwart;
Was will da die Hoffnung!
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
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