Lyrikmail #2375 Logau – Deß Menschen Alter

Deß Menschen Alter

Ein Kind vergist sich selbst; ein Knabe kennt sich
nicht;
Ein Jüngling acht sich schlecht; ein Mann hat immer
Pflicht
Ein Alter nimmt Verdruß; ein Greiß wird wieder
Kind:
Was meinstu, was doch diß für Herrligkeiten sind!

Friedrich Freiherr von Logau (1604-1655)

Hofkritik des 17. und 18. Jahrhunderts anhand der Sinngedichte Friedrichs von Logau in der Edition von Lessing und Ramler

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Lyrikmail #2374 Weiße

Der Betrug

Ich trink, und oft betrink ich mich,
Mein Mädchen, auf dein Wohlergehen!
Da solltest du den Vater Bacchus sehen:
Er denkt, und brüstet sich,
Es sey blos ihm zum Trost geschehen.

Der gute Narr! er brüste sich,
Frohlocke gegen seine Brüder!
Ich sag es dir, doch sag es ihm nicht wieder!
Aus Liebe nur für dich,
Trink ich, trink ich mich öfters nieder.

Christian Felix Weiße (1726-1804)

Christian Felix Weiße (1726-1804). Leipziger Literat zwischen Amtshaus, Bühne und Stötteritzer Idyll

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Lyrikmail #2373 Voß

(Phantomfliegerschmerzen)

Krr, Krr, Krr, mors die Neuigkeiten
fatales Fatum zeig ich euch geschichts
vergrindeten Weltwesen – Bürger hört:

(Phantomfliegerschmerzen am Morgen
brummt der Schadeschädel abendrot)
Und mir traumbombte gestern Nacht
sich der Weg in den Tiefgaragenschutt frei
„Bitte suchen sie den Schmutzraum auf“
Viel Betonverschalung im Genick hab ich
und es nickt mit schwarzem Eisenbauch
die Bombenfratz überm Erdgetümmel
(Ich sah das durch den Bunkerschlitz)
Alle Einkaufstaschen platschen, platzen
Wenn die Bettelleute in den Shelter eilen
Zukunftsgesichte ziehen durch die Augenwand

Der Heliumwind der Sonne brach sich
am Nachmittag – Äther, Äther, Sphärenschichten
und jetzt Mugge (da rasselt Gott die Schellen
und die Trompetten schallen sphärenrein)
Es leuchtete der Norden – O, gute Gammastrahlung
Mücken, Fliegen, Kleingetier – Summsumm
ihr Meister pult sich Dreck vom Ziegenstiefel
Meine Augen sahen scharf das ultrahelle Violett
des Himmelsknasters, eingeknastet in dem All
Und es wollt Abend werden an der Skalitzer

Um acht Uhr ging ich ins Prinzenbad:
atomarer Prinz in Schwimmkerl-Badehosen
Durch die Apokalypse glitt ich körperbetont
die X-Ray-Spex auf dem Nasenrücken
Am Tor der Nichtschwimmer-Hölle flatterte
ein Spruchband in Fraktur: Hier Eintopf, Kinder
Am Kiosk nebenan: Wienerwurst mit Brot und Senf
Schütt Bier in den Schutt, Marke „Heldenplatz“

Und die Vergangenheits-Markierungen
die wurmstichigen Gründerzeitbauten
links und rechts der Prinzenallee-Station
(Automaten, Urbahn-Karten, Hochbannfahrten)
flammten auf im Napalm-Feuer (Freundgefeuer)
Das sah ich, ganz betört vom Chlor
und die Funkenmädchen schrieen im Chor
„Laß die Welt, die Wurst doch endlich grillen“
Aber an den Obstständen vorm Kotti (schau an, schau an)
noch lebendige Tote mit jodgefüllten Lebern
Stehen Leichen labbrig ledern im leichten Wind
Im Wiegeschritt taumeln wir den Apokalypso mit

Den ganzen Tag Prophezeiungen
quergelesen in den Porno-Magazinen
dann Radio: aktiv passierte nichts
Kunde vom Weltkrieg: Fehlanzeige
Auch nichts von den Himmelszeichen
(gleich las ich´s nach bei Georg Heym
dem Kundschafter mit der spitzen Nase)
alles passiv in dem dröhngewaltigen Weltgedröge
Heut Nacht platzt ganz bestimmt die Sonne
und acht Minuten später verpatzt sie meinen Traum
Bumm, sag ich: vollständig erleuchtet
Das ich nicht lache, leichenhaft: Bombenbumm
Das ich nicht leuchte, lachhaft: stumm – O, Radium

Florian Voß (*1970)

Die Reihe clicktriebe wird von Tom Bresemann für die Lyrikmail herausgegeben, erscheint einmal wöchentlich und präsentiert gegenwärtliche Gedichte deutschsprachiger und internationaler Autor_innen. Tom Bresemann ist Schriftsteller (Gedichtband: Makellos, Berlin 2007, zuletzt Jahrbuch der Lyrik 2009, Lyrik von Jetzt zwei, NEUBUCH, Covering Onetti), Veranstalter (u.a. für die S³ LiteraturWerke, die Lettrétage) und Heraugeber (u.a. Wat los, Parzen?).

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Lyrikmail #2372 Neukirch

Wider die falsche Ehrsucht

“Mein Sohn, bist du wie ich, so geh den Weg der Ehren
Und laß dir nichts den Mut zum Königsthrone stören,”
Sprach ein bejahrter Greis, der an dem Tagus saß
Und voller Majestät von Bettelbrocken aß.
Sein Wahn klang hoch genug; doch waren seine Grillen
Bei steter Hungersnot mit Brote noch zu stillen;
Wer aber tilgt in uns das Fieber der Vernunft?
Ein jeder Tag vermehrt die kluge Narrenzunft.
Je mehr wir der Natur zum Untergange blasen,
Je mehr sieht man die Welt vor Ehrbegierde rasen,
Die dennoch, wenn sie sich in ihren Werken weist,
Von rechter Ehre kaum ein halber Schatten heißt.

Ich untersuche nicht die Thaten wilder Fürsten,
Die schon nach Menschenblut im Mutterleibe dürsten,
Die eher in den Krieg als in die Schule gehn
Und auf ein jedes Wort zum Schlagen fertig stehn.
Das Blutvergießen ist doch nun zur Tugend worden;
Der ist ein schlechter Held, der nicht auch kann ermorden;
Es wird den Kindern schon von Eltern eingeprägt,

Es ist der erste Trieb, der hohe Seelen regt.
Man kauft die Mörder auf durch ausgepauckte Gelder;
Der Menschenjäger streicht durch alle Straßen, Felder
Und schleppet mit Gewalt der Witwen letztes Pfand,
Das dennoch seine Zeit viel besser angewandt,
Zum Würgeplatze fort, wo man mit ganzen Haufen
Das längst erstorbne Herz zum Sturme zwingt zu laufen
Und durch ein Marterfeu’r, das Pluto kaum erdenkt,
Oft lebend und umsonst in Pulvergrüfte senkt.
Wer wollte dieser Wut durch Sittensprüche wehren?
Die Erde müßte vor nicht Christen mehr gebären,
Europa müßte vor durch Blitz und Hagelstein
Zerstöret und die Welt voll Lappenländer sein;
Sonst, wenn der Heiland auch vom Himmel selber käme,
Wenn er die ganze Zahl der Patriarchen nähme
Und mit der Jünger Schar mit halbgesenktem Knie
“Die Lieb’ ist das Gesetz!” aus vollem Munde schrie’,
So würde man ihn wohl mit einer Losung ehren,
Doch nun und nimmermehr auf seinen Willen hören.

Drum lass’ ich, was sich schon zur Sünde frei gemacht;
Wer aber hat den Satz der Schwärmer doch erdacht,
Die sich aus Eigensinn noch über Fürsten heben,
Durch ihr Rebellenherz den Rechten widerstreben

Und um ein einzig Wort, das auf zwei Silben kriecht,
Das nach dem Hunde schmeckt und nach der Mutter riecht,
Ihr Leben, das sie doch für Länder sollten wagen,
Wie Gaukler ohne Not der Welt zu Markte tragen?
Wer hat uns doch gesagt, daß tote Prahlerei
Der Tugend höchster Grad und dieses Ehre sei;
Wenn man ein Wappenheer von vielen Ahnen zählet,
In welchem öfters doch der Vater selber fehlet
Und die, so kurz vorher den neuen Stamm gebar,
Ein bloßes Nebenweib von geilen Fürsten war?
Wer hat uns doch gelehrt, daß man von edlem Blute
Die Tugend so erlangt, wie man mit einem Gute
Die Schaf’ und Rinder erbt? Daß dieses hohe Blut
Die hohe Wirkung nur an Standestöchtern thut,
Und gleichwohl seine Kraft nicht in der Mutter stirbet,
Wenn sie sich heimlich gleich um Bürgertrost bewirbet?
Woher kommt der Betrug, wenn man der Jugend Zeit
Durch teuren Müßiggang in Karten hingestreut,
Daß man für seinen Ruhm durch leere Titel sorget
Und wie der Mond sein Licht von fremdem Lichte borget
Und doch von jedermann sich hochgepriesen hält,
Wenn man den Adel nur in Golde vorgestellt
Auf Federbüschen trägt und von geschmierten Zungen

Durch freien Tafeltrunk ein falsches Lob erzwungen?
Wie kommt es, daß ein Mann, den sonst der Kram ernährt,
Und dem der Pfefferstaub noch aus der Nase fährt,
Durch einen Adelsbrief, den sein Betrug erhandelt,
Sich augenblicklich so wie Proteus dort verwandelt,
Und sein nunmehr durch Geld hochwohlgeborner Sohn
Von Bürgen voller Schmach, von Rittern voller Hohn
Schon wie ein Ritter spricht, den Jason aufgeschrieben,
Als ihn das güldne Vließ nach Kolchos hingetrieben?

Durch was für Zauberei mag es doch wohl geschehn,
Daß, wenn ein Bücherfuchs den Titel nur gesehn,
Ihm sein erhitzter Geist den Kragen so beweget,
Daß er ein ganzes Buch mit Donner niederschläget,
Daß ein gelehrter Narr, der voller Mängel steckt,
Doch fremde Mängel stets durch seinen Wurm entdeckt,
Und alles, was er schreibt, so lachend kommt gesprungen,
Ob hätte sein Verstand den Phöbus gar verschlungen?
Was treibt den Wucherbalg, wenn er den Geiz gestillt
Und durch so langen Raub die Kasten angefüllt,
Daß er nach Hofe läuft und sich mit Sorgen plaget,
Das kaum erpreßte Gut auf leere Wechsel waget,

In fremde Schulden sinkt, durch Bankerott verdirbt
Und als ein Märtyrer von Komplimenten stirbt?
Und was sucht eine Frau, die, wenn sie prahlen wollte,
Der Ehre größten Teil vom Manne borgen sollte,
Daß sie nach neuer Art der alten Pflicht vergißt
Und ihren ganzen Ruhm nach fremden Lippen mißt,
Daß sie das Richteramt dem Spiegel anvertrauet,
Aus der geschminkten Haut ihr einen Tempel bauet
Und dann erst ruhig schläft, wenn ihr das halbe Land
Des Herzens erste Kraft zum Opfer zugewandt?

“Die Ehre treibet sie, die Ehre,” wirst du sprechen.
Daß man der Ehre doch die Knochen müßte brechen,
Eh sie zu Stande kommt, wenn sie sich so verliert,
Daß sie aus Menschentalk nur Affenzeug gebiert!
Wie glücklich bist du doch, o David, noch gewesen,
Daß Gott zu solcher Zeit zum Fürsten dich erlesen,
Da Wahn und Thorheit noch den Scepter nicht erlangt
Und man den wahren Ruhm der Tugend nur gedankt.
Wie niedrig würden doch jetzt deine Thaten klingen,
Man würd’ ein Spötterlied auf allen Gassen singen.
“Ist dieser,” spräche man, “nun Fürsten zugezählt,
Der lieber schnelle Pest als Schwert und Krieg erwählt?
Soll der ein Musterbild der größten Helden heißen,
Der sich mit Steinen läßt von Ackerknechten
schmeißen?
Man sieht wohl, daß der Thron die Trägheit nur verdeckt,
Daß ihm das Hirtenblut noch in den Adern steckt,
Daß er den Goliath durch Schäferlist erknicket
Und Joab ihm mit Recht die Thränen vorgerücket.”
Was wäre Salomo bei dieser wilden Zeit?
Ein schulgelehrter Mann, der Grillen ausgestreut,
Der Fürstenkinder will nach Bürgersitten messen
Und bei der Poesie den Degen gar vergessen.
Hätt’ er zu rechter Zeit den Unterthan gedrückt,
Des Pöbels Raserei die Federn ausgepflückt,
So hätte nicht sein Sohn, der klüger war geboren,
Zehn Teile von der Macht des Königreichs verloren.
Wo bleibt jetzt Ahasver mit seiner Bürgerbraut,
Sarmatiens Piast, der noch den Pflug gebaut,
Und wo ganz Asien, da, was der Hof belohnet,
In Ämtern, aber nicht auf Rittersitzen wohnet,
Da durch des Vaters Tod der Adel auch vergeht
Und nichts als nur der Weg zur Tugend offen steht,
Da sich ein Krämer nicht mit neuen Namen kleidet,
Die Kriegeskunst den Held und Bürger unterscheidet
Und alles, was der Fleiß zu hohen Stufen treibt,
Auch sein Verdienst zugleich ins Buch der Ehre schreibt?
Wo bliebe Sokrates, der bei so vielem Wissen
Wie unsre Weisen doch kein Marterbuch erkrissen,

Der jeden Punkt der Zeit nicht ohne Müh’ erspart
Und ein lebendig Buch durch sein Exempel ward?
Und wo nun jene Frau, die, als der König fragte,
Wer an der Tafel doch am meisten ihr behagte,
Zur klugen Antwort nur acht Worte ließ ergehn:
Sie habe weiter nichts als ihren Mann gesehn?

O Närrin, hör’ ich schon, o blinde Närrin! schreien.
Wer will bei Tafeln sich an alter Kost erfreuen?
Der Mann ist für die Not des Hauses wohl bestellt,
Nicht aber auch ein Bild, das immer wohl gefällt.
Das alte Testament ist nunmehr aufgehoben,
Da Weiber nichts gethan als Kuchen eingeschoben.
Dort strich der Männer Ruhm den Weibern Farben an;
Jetzt sieht man, daß ein Weib auch Männer machen kann,
Wenn sie des Fürsten Sinn durch ihren Witz ergetzet,
Den halb verzagten Mann auf Ehrenstühle setzet,
Die grobe Bürgermilch durch Ritterblut erhöht
Und von geborgter Kraft mit Helden schwanger geht.

“O rasender Poet!” hör’ ich noch weiter rufen,
“Bau dir ein Narrenhaus auf deine Tugendstufen!
So lange sich der Kreis der Erden nicht verkehrt,
So bleibt der Degen wohl der Ehre Richterschwert.
Viel besser als ein Mann der Hölle zugestorben,

Als mit der feigen Schar das Himmelreich erworben.”
“O plumpes Bürgerholz!” fährt auch ein Ritter auf,
“Was stört dein Tintenwitz der Ahnen Heldenlauf?
Du hast das dumme Salz von Brüsten eingesogen,
Die nur mit Unverstand nach Pöbelart betrogen.
Die Laster kennen nicht der Damen keusche Schoß,
Der Adel spricht sie schon von allem Urteil los,
Und ein bei Rübensaft und Kraut ernährter Magen
Hat nach der Sittenkunst der Großen nicht zu fragen.”
“O Federfechter!” schreit ein neu getaufter Held,
Dem sein erkaufter Mut die Leber aufgeschwellt,
“Man sieht wohl, daß du nur im Staube stets gesessen
Und bei geträumter Kunst dein altes Blut vergessen,
Das doch aus Wappen floß. Dächt’ alles so wie du,
So müßt’ ein Bauer nur bei seiner Milch und Kuh,
Ein hoher Bürgergeist im Rate nur verderben
Und durch versäumten Bau der Adel gar ersterben.”
“O blinder Musensohn!” erhebt sich ein Pedant,
“Wer kluge Bücher kennt, schilt nicht der Weisen Stand.
Schreib, wie du schreiben sollst, so hast du nicht zu schreien;
Was ärgerst du die Welt, die du doch kannst erfreuen?
Frißt dir das Alter nicht schon des Verstandes Haus,
So laß den andern Teil von deinen Briefen aus.”
“O bettlender Poet!” läßt sich ein Jude hören,
Den kluge Dieberei doch endlich noch zu Ehren

Und an den Hof gebracht, “was gehn dich Wechsler an,
Durch die ein König erst als König leben kann?
Willst du des Glückes Fall am Nächsten nicht erdulden,
So geh und sammle Geld und zahle deine Schulden,
So lern das Einmaleins und tilge nach und nach
Durch wuchernde Vernunft dein langes Ungemach.”

Genug, genug, genug! Ich will ja gerne schweigen,
Eh mir die Kinder noch die Sittenlehre zeigen.
Ich weiß ja endlich wohl, daß dieses Ehre heißt,
Wenn man von Jugend auf der Ehre nachgereist,
Wenn nur ein König schlägt, wenn ihn die Not gedrungen,
Und doch auch Friede sucht, wenn er den Feind bezwungen.
Ich weiß, daß Ehre nicht durch Pöbelworte fällt
Und wer nur Herz besitzt, das Herz auch wohl behält,
Daß man am klügsten fährt, wenn man vor Narren schweiget
Und für das Vaterland doch Löwenkräfte zeiget,
Der Fürsten hohen Spruch mehr als sich selber acht’t,
Den alten Adel ehrt, doch nicht zum Götzen macht,
Sich nicht aus Phantasei nach Hungertiteln dränget,
Die Ritterwappen nicht an Pfefferbuden hänget,
Bei langer Wissenschaft nur kurze Bücher schreibt

Und in Gedanken stets ein Ungelehrter bleibt.
Ich weiß auch, daß ein Mann den Weg der Ehre kennet,
Der nicht nach Ehr’ und Glück auf Silberschlitten rennet,
Daß keusche Sittsamkeit und nicht befleckte List
Des Frauenzimmers Glanz und rechter Adel ist,
Und daß ein Weiser denn sich über Weise hebet,
Wenn er für andre mehr als für sich selber lebet,
Von seinem Überfluß den andern unterstützt
Und für das bloße Recht in dem Gerichte sitzt.
Ich weiß, daß Scipio viel höher war zu loben,
Da ihn das Glücke warf, als da es ihn erhoben,
Daß Witz und Tugend noch am Narrenfieber liegt,
So lang ein großer Geist sich selber nicht besiegt,
Und wir den höchsten Punkt erst in der Ehre finden,
Wenn unsre Seelen sich mit Gottesfurcht verbinden.

Allein da die Natur aus ihren Angeln bricht
Und jeder Affe doch von lauter Tugend spricht,
Da mich die Weiber auch schon in die Schule treiben,
Wo würd’ ich vor der Macht so vieler Feinde bleiben?
Nein, nein, ich will nur gehn, eh sich die Schar bewegt
Und mir die große Kunst mit Birkenwischen legt,
Eh sich das Altertum um meinen Buckel rühret
Und mich ein neuer Wurm mit Heringssuppen
schmieret,
Eh ein gelehrter Bär das Tintenfaß ergreift
Und mich mit einer Flut von Schriften gar ersäuft,
Eh mir der Handelsmann, wenn mich die Blöße plaget,
Den hinkenden Kredit auf ewig untersaget,
Und eh das Nymphenvolk, das voller Rache brennt,
Mich ein ich weiß nicht was von allen Buhlern nennt.
Die Zeiten sind vorbei, die noch den Dichter ehrten;
Jetzt steckt die ganze Kraft nur in den Schriftgelehrten;
Drum pack’ ich meinen Kram wie Welsche wieder ein
Und lasse Kupfer Gold und Narren Weise sein.

Benjamin Neukirch (1665-1729)

Benjamin Neukirch: Sein Leben Und Seine Werke Ein Beitrag Zur Geschichte Der Zweiten Schlesischen Schule (1897)

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Lyrikmail #2371 Saar

Drahtklänge

Ihr dunklen Drähte, hingezogen
So weit mein Aug’ zur Ferne schweift,
Wie tönt ihr, wenn der Lüfte Wogen
In euch so wie in Saiten greift!

O welch’ ein seltsam leises Klingen,
Durchzuckt von schrillem Klagelaut,
Als hallte nach, was eu’ren Schwingen
Zu raschem Flug ward anvertraut.

Als zitterten in euch die Schmerzen,
Als zitterte in euch die Lust,
Die ihr aus Millionen Herzen,
Verkündend, tragt von Brust zu Brust.

Und so, ihr wundersamen Saiten,
Wenn euch des Windes Hauch befällt,
Ertönt ihr in die stillen Weiten
Als Aeolsharfe dieser Welt!

Ferdinand von Saar (1833-1906)

Die Steinklopfer / Tambi

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