Lyrikmail #2398 Sachs
immer wieder
verteilt über die Stunden
Spritzer von Klarheit
die mich niedermähen
*
da gingen sie
weich im Panzer
ruhig gestellt
an Schläuchen
bleich ins Eis
*
keine Überraschungen mehr
unter Teebeuteln verschüttet
der abklingende Ton
Reste eines Seidenflakons
rot blinkende Ziffern
Ivo Sachs (*1974)
Die Reihe clicktriebe wird von Tom Bresemann für die Lyrikmail herausgegeben, erscheint einmal wöchentlich und präsentiert gegenwärtliche Gedichte deutschsprachiger und internationaler Autor_innen. Tom Bresemann ist Schriftsteller (Gedichtband: Makellos, Berlin 2007, zuletzt Jahrbuch der Lyrik 2009, Lyrik von Jetzt zwei, NEUBUCH, Covering Onetti), Veranstalter (u.a. für die S³ LiteraturWerke, die Lettrétage) und Heraugeber (u.a. Wat los, Parzen?).
Lyrikmail #2397 Platen
Neapel
Schön ist immer Neapel und mild; in der Glühenden Jahrszeit
Bietest du Zuflucht uns, luftige Küste Sorrents!
August von Platen (1796-1835)
Lyrikmail #2396 Mörike
Ideale Wahrheit
Gestern entschlief ich im Wald, da sah ich im Traume das kleine
Mädchen, mit dem ich als Kind immer am liebsten verkehrt.
Und sie zeigte mir hoch im Gipfel der Eiche den Kuckuck,
Wie ihn die Kindheit denkt, prächtig gefiedert und groß.
“Drum! dies ist der wahrhaftige Kuckuck!” – rief ich – “Wer sagte
Mir doch neulich, er sei klein nur, unscheinbar und grau?”
Eduard Mörike (1804-1875)
Der Kuckuck wird in Volkslegenden und in Dichtungen der Romantik als Schicksalsvogel verehrt, der die Ankunft des Frühlings bestätigt und die Lebenszukunft der Menschen versinnbildlicht.
Lyrikmail #2395 Lessing
Lied aus dem Spanischen
Gestern liebt ich,
Heute leid ich,
Morgen sterb ich:
Dennoch denk ich
Heut und morgen
Gern an gestern.
Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781)
Lyrikmail #2394 Holz
Ich bin der reichste Mann der Welt! // Meine silber-
nen Yachten / schwimmen auf allen Meeren. // Gold-
ne Villen glitzern durch meine Wälder in Japan, / in
himmelhohen Alpenseeen spiegeln sich meine Schlös-
ser, / auf tausend Inseln hängen meine purpurnen Gär-
ten. // Ich beachte sie kaum. // An ihren aus Bronze
gewundenen Schlangengittern / geh ich vorbei, / über
meine Diamantgruben / lass ich die Lämmer grasen. //
Die Sonne scheint, / ein Vogel singt, / ich bücke
mich / und pflücke eine kleine Wiesenblume. // Und
plötzlich weiss ich: ich bin der ärmste Bettler! // Ein
Nichts ist meine ganze Herrlichkeit / vor diesem
Thautropfen, / der in der Sonne funkelt.
Arno Holz (1863-1929)
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