Lyrikmail #2390 Liu Xiaobo
You Wait for Me with Dust
- for my wife, who waits every day
nothing remains in your name, nothing
but to wait for me, together with the dust of our home
those layers
amassed, overflowing, in every corner
you’re unwilling to pull apart the curtains
and let the light disturb their stillness
over the bookshelf, the handwritten label is covered in dust
on the carpet the pattern inhales the dust
when you are writing a letter to me
and love that the nib’s tipped with dust
my eyes are stabbed with pain
you sit there all day long
not daring to move
for fear that your footsteps will trample the dust
you try to control your breathing
using silence to write a story.
At times like this
the suffocating dust
offers the only loyalty
your vision, breath and time
permeate the dust
in the depth of your soul
the tomb inch by inch is
piled up from the feet
reaching the chest
reaching the throat
you know that the tomb
is your best resting place
waiting for me there
with no source of fear or alarm
this is why you prefer dust
in the dark, in calm suffocation
waiting, waiting for me
you wait for me with dust
refusing the sunlight and movement of air
just let the dust bury you altogether
just let yourself fall asleep in the dust
until I return
and you come awake
wiping the dust from your skin and your soul.
What a miracle – back from the dead.
April 9th 1999
Liu Xiaobo (*1955)
Übersetzt aus dem Chinesischen: Zheng Danyi, Shirley Lee and Martin Alexander
—
Du wartest auf mich mit dem Staub
für meine Frau, die jeden Tag wartet
Nichts bleibt in deinem Namen, nichts
als auf mich zu warten, mit dem Staub in unserem Haus,
Schicht auf Schicht,
in jeder Ecke, du willst
die Vorhänge nicht aufziehen,
denn das Licht soll die Stille nicht stören
auf den Bücherregalen sind die Handschriften mit Staub bedeckt,
die Muster der Teppiche atmen Staub,
wenn du mir einen Brief schreibst
und die Liebe kommt zu mir,
die der Füller in den Staub getaucht hat,
füllen sich meine Augen mit Schmerz
den ganzen Tag sitzt du da
und wagst nicht, dich zu bewegen
aus Furcht, deine Fußspuren könnten die Staubdecke zerstören,
du versuchst, deinen Atem zu kontrollieren
und die Stille dazu zu benutzen, eine Geschichte zu schreiben.
In Zeiten wie diesen
ist der erstickende Staub
der zuverlässigste Freund
dein Blick, Atem und Zeit,
durchdringen den Staub,
in der Tiefe deiner Seele
füllt sich das Grab
Zentimeter um Zentimeter,
von den Füßen zur Brust
zur Kehle
du weißt, dass das Grab
dein bester Ruheplatz ist,
dort wartest du auf mich,
ohne den leisesten Anflug
von Furcht oder Erschrecken,
deshalb ist dir der Staub lieber,
dunkles, stilles Ersticken,
du wartest, du wartest auf mich mit dem Staub
du weist das Sonnenlicht zurück und die Spiele der Luft,
lass dich einfach vom Staub begraben,
schlaf ein im Staub
solange bis ich zurückkehre
um dich wieder aufzuwecken
und den Staub von deiner Haut und deiner Seele zu wischen.
Welch ein Wunder – zurück von den Toten.
9.April 1999
Liu Xiaobo (*1955)
Übersetzung von Stefanie Golisch
Liu Xiaobo, geboren am 28. Dezember 1955 in Changchun, Volksrepublik China) ist ein chinesischer Schriftsteller, Systemkritiker und Menschenrechtler.
Liu war Dozent an der Pädagogischen Universität Peking und seit 2003 Präsident des chinesischen PEN-Clubs unabhängiger Schriftsteller.
Im Dezember 2008 unterstützte er mit 302 anderen Intellektuellen das im Internet veröffentlichte Bürgerrechtsmanifest Charta 08 zum Internationalen
Tag der Menschenrechte und wurde wegen „Untergrabung der Staatsgewalt“ festgenommen. Im Juni 2009 wurde offiziell gegen ihn Anklage erhoben. Am 25. Dezember 2009 wurde er zu elf Jahren Haft verurteilt. Liu Xiaobo erhielt 2010 den Friedensnobelpreis. Während der Zeremonie am 10. Dezember 2010 blieb ein Stuhl frei, weil weder Liu Xiaobo noch seine Ehefrau oder ein anderer Bevollmächtigter den Preis persönlich annehmen konnten. (Quelle: Wikipedia)
![[del.icio.us]](http://gregor-koall.de/blog/wp-content/plugins/bookmarkify/delicious.png)
![[Digg]](http://gregor-koall.de/blog/wp-content/plugins/bookmarkify/digg.png)
![[Facebook]](http://gregor-koall.de/blog/wp-content/plugins/bookmarkify/facebook.png)
![[Google]](http://gregor-koall.de/blog/wp-content/plugins/bookmarkify/google.png)
![[LinkedIn]](http://gregor-koall.de/blog/wp-content/plugins/bookmarkify/linkedin.png)
![[Mister Wong]](http://gregor-koall.de/blog/wp-content/plugins/bookmarkify/misterwong.png)
![[StumbleUpon]](http://gregor-koall.de/blog/wp-content/plugins/bookmarkify/stumbleupon.png)
![[Technorati]](http://gregor-koall.de/blog/wp-content/plugins/bookmarkify/technorati.png)
![[Windows Live]](http://gregor-koall.de/blog/wp-content/plugins/bookmarkify/windowslive.png)
![[Yahoo!]](http://gregor-koall.de/blog/wp-content/plugins/bookmarkify/yahoo.png)
![[Email]](http://gregor-koall.de/blog/wp-content/plugins/bookmarkify/email.png)
[...] (Übersetzt aus dem Chinesischen: Zheng Danyi, Shirley Lee and Martin Alexander. In: Lyrikmail Nr. 2390. 21.03.2011) [...]
[...] Quelle: Lyrikmail [...]