Lyrikmail #2456 de Toys – Eiszeitlose

“Ohne Liebe ist die menschliche Gesellschaft in einem schlimmen Zustand.
Ohne Liebe werden wir in der Zukunft schrecklichen Problemen gegenüber
stehen müssen. Liebe ist die Mitte des menschlichen Lebens.”

Dalai Lama, in: LOGIK DER LIEBE
(entnommen aus: Rede vor dem Rat für Weltangelegenheiten in Los Angeles:
“Die Praxis von heilender Hinwendung in der Weltpolitik”, vor 1984)

EISZEITLOSE

wir sind zwei spiegel die
sich gegenüber stehen und
sich im unendlichen verstehen
durch die augen leuchtet doppelt
leer der letzte satz:
ich lieb dich sehr!
so sehr daß mir die worte fehlen
kann nur reime für die seele stehlen
ach mein herz mein aufgetautes
spürt nun wahres und vertrautes
bei der königin der liebe
sind sie endlich frei die triebe
frei und heilig wie das leben selbst
weil du mich in den armen hälst

Tom de Toys, 2.4.2011, 64.E.S. für B.

der Autor: geboren am 24.1.1968 in Jülich als Thomas Holzapfel, wohnte von Herbst 1997 bis Herbst 2011 in Berlin, danach in Düsseldorf. Publizierte zwei Jahrzehnte lang als Vertreter für “Direkte Dichtung” in zahlreichen Literaturmagazinen sowie über 100 Gedichtbände im ISBNfreien G&GN-Verlag. Öffentlich aktiv seit 1989 als Maler, Dichter, Digitalfotograf und Performer einer LOCHiSMUß-Lebensphilosophie, gründete 1990 in Köln-Efferen das Institut für Ganz & GarNix, entdeckte 1994 die “Erweiterte Sachlichkeit” (E.S.) zur Repolitisierung echter (erfüllter) Liebeslyrik gegen den germanistischen Etikettenschwindel (Verwechslung von Sehnsucht & Liebe), machte Sprechgesang in der Düsseldorfer Band “Das Rilke Radikal” 1996-2009, betrieb den Literatursalon im Berliner Kunsthaus Tacheles 1998-2000, gewann 2000 den ersten NAHBELL-Lyrikpreis, erfand 2001 die Quantenlyrik und gründete seine Trademark POEMiE™. Arbeitete 2005-2009 beim Schillerpalais als Eventmanager und Online-Redakteur für das Künstlernetz Neukölln. Heiratet im Mai 2012 seine Jugendliebe von 1985, der fortan alle E.S.-Beispiele (ab Nr.62) gewidmet sind.

Weitere E.S.-Beispiele: www.angekOMmene.de
Sprechgesang von De Toys: www.NEURODADA.de
Versand für G&GN-Publikate: www.artificium.com

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Lyrikmail #2455 Cornils – haikuzerstücklung

haikuzerstücklung: the air-conditioned nightmare pt. II:

I frühling (langatmige ouverture)
es ist keine feststellung: there will be
breakages in japanese in dem der weise
von ihm spricht der löwenkopf
der aus wasser platscht da wo:
‚kirschblüten tanzen‘.

II sommer (einsatz, fortissimo)

auswendig gelernte briefe
wie aus schlamm geschleuderte
handgranaten erfolgreicher zusammensetzung:
saki, wir kennen dich,
wir treiben ostwärts.

III herbst (mit auslassung)

tokyo narkotisch.
miso und plastik auf dejima
wie ein schlag im papier
mit dem der pazifik
der pazifikkrieg entschieden wurde.

IV winter (suspense)

der wind in den augen der
aircon das tokyo narko
I have a constant fear
that someone’s always near
-leptischer eintagsfliegen

V frühling ((wieder)aufnahme)

sagawa issei mit thyrsosstab:
der botschafter guten geschmacks:
man shalt not eat man, -vorgeschmacks:
als man sich am 31. 03. 1854 auf die
stühle der götter setzte, zum angerichteten mahle:

VI sommer (grande finale)

das tokyo nekro
politaner vergangenheiten:
das leise hiroshima dieser zeiten
:| |

Kristoffer Patrick Cornils (*1987)

der Autor: geboren 1987 in Buxtehude. 2007 bis 2010 Studium an der Tokyo daigaku, Abschluss als Träger es Tengu-Förderpreises (für die Übersetzung vormoderner japanischen Mythen ins zeitgenössische Deutsch). Seit September 2010 Mitorganisator der Berliner Lesereihe Kreuzwort. Studium an der Freien Universität Berlin. Diverse Veröffentlichungen; u.a. Literatur- und Musikkritik, Lyrik.

 
Die Reihe clicktriebe wird von Tom Bresemann für die Lyrikmail herausgegeben, erscheint einmal wöchentlich und präsentiert gegenwärtliche Gedichte deutschsprachiger und internationaler Autor_innen. Tom Bresemann ist Schriftsteller (zuletzt: Berliner Fenster, Berlin Verlag 2011), Veranstalter (u.a. für die S³ LiteraturWerke, die Lettrétage) und Heraugeber (u.a. Im Heiligkeitsgedränge, Verlag Lettrétage 2010).
berlinerfenster-gedichte.de

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Lyrikmail #2454 Hebbel – Abendgefühl

Abendgefühl

Friedlich bekämpfen
Nacht sich und Tag.
Wie das zu dämpfen,
Wie das zu lösen vermag!

Der mich bedrückte,
Schläfst du schon, Schmerz?
Was mich beglückte,
Sage, was war’s doch, mein Herz?

Freude, wie Kummer,
Fühl’ ich, zerrann,
Aber den Schlummer
Führten sie leise heran.

Und im Entschweben,
Immer empor,
Kommt mir das Leben
Ganz, wie ein Schlummerlied vor.

Friedrich Hebbel (1813-1863)

der Autor: geb. am 18.03.1813 als Christian Friedrich Hebbel in Wesselburen als Sohn eines Maurers. Sein Vater stirbt völlig verarmt als Hebbel 14 Jahre alt ist. Nach dem Tod des Vaters beginnt er eine Boten- und Schreibertätigkeit beim Kirchspielvogt Mohr, erste Veröffentlichungen in Provinzblättern. In Hamburg verliebt er sich in die Näherin Elise Lensing. 1836-39 studiert er in Heidelberg und München. Er hört Vorlesungen in Jura, Geschichte, Literatur u. Philosophie. Ein Reisestipendium des dänischen Königs ermöglicht den Aufenthalt in Kopenhagen (1842-43). Ab 1845 lebt er in Wien, heiratet die Burgschauspielerin Christine Enghaus (Künstlername), geb. Eng(e)hausen, wird finanziell unabhängig. Er stirbt am 13.12. 1863 an Rheuma.

Der große Conrady: Das Buch deutscher Gedichte

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Lyrikmail #2453 Fontane – Spätherbst

Spätherbst

Schon mischt sich Rot in der Blätter Grün,
Reseden und Astern sind im Verblühn,
Die Trauben geschnitten, der Hafer gemäht,
Der Herbst ist da, das Jahr wird spät.

Und doch (ob Herbst auch) die Sonne glüht, –
Weg drum mit der Schwermut aus deinem Gemüt!
Banne die Sorge, genieße, was frommt,
Eh’ Stille, Schnee und Winter kommt.

Theodor Fontane (1819-1898)

der Autor: geb. am 30.Dezember 1819 in Neuruppin, als Sohn eines Apothekers, er besucht das Gymnasium in Neuruppin und die Gewerbeschule in Berlin, von 1836-1840 absolviert er eine Apothekerlehre in Berlin, 1849 gibt Fontane seinen Apothekerberuf auf und arbeitet mit Unterbrechung bis 1859 als freier Mitarbeiter im Buero eines Ministeriums, von 1855-1859 lebt er in England als Berichterstatter, von 1860 bis 1870 arbeitet er als Redakteur der Berliner “Kreuz-Zeitung”, 1870 bis 1889 ist er Theaterkritiker bei der “Vossischen Zeitung”, 1876 wird er Sekretaer der Akademie der Künste Berlin und freier Schriftsteller, er stirbt am 20.9.1898 in Berlin.

Fontane. Gedichte

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Lyrikmail #2452 Kraus – Verwandlung

Verwandlung

Stimme im Herbst, verzichtend über dem Grab
auf deine Welt, du blasse Schwester des Monds,
süße Verlobte des klagenden Windes,
schwebend unter fliehenden Sternen –

raffte der Ruf des Geists dich empor zu dir selbst?
nahm ein Wüstensturm dich in dein Leben zurück?
Siehe, so führt ein erstes Menschenpaar
wieder ein Gott auf die heilige Insel!

Heute ist Frühling. Zitternder Bote des Glücks,
kam durch den Winter der Welt der goldene Falter.
Oh knieet, segnet, hört, wie die Erde schweigt.
Sie allein weiß um Opfer und Thräne.

Karl Kraus (1874-1936)

der Autorgeboren am 28. April 1874 in Jicinn, Böhmen; gestorben am 12. Juni 1936 in Wien, war einer der bedeutendsten österreichischen Schriftsteller des beginnenden 20. Jahrhunderts. Er war Publizist, Satiriker, Lyriker, Aphoristiker, Dramatiker, Förderer junger Autoren, Sprach- und Kulturkritiker sowie vor allem ein scharfer Kritiker der Presse und des Hetzjournalismus oder, wie er selbst es ausdrückte, der Journaille. Quelle: Wikipedia
 
Karl Kraus für Boshafte (insel taschenbuch)

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