Lyrikmail #2475 Christen – Auf dem Markusplatze
Auf dem Markusplatze
Ich kann’s nicht schauen, dieses träge Leben,
Mir graut ob dieser müssigen Gestalten,
Die lässig spielen mit des Mantels Falten
Und marionettenhaft die Glieder heben.
Oft zuckt es auf in ihres Blicks Umnachtung,
Es flackert dann ein sinnlich-weiches Lachen
Um ihren Mund, als wollten sie erwachen
Aus ihrer unbewußten Selbstverachtung.
Mir ist zu Muthe oft, als zögen Leichen,
Die künstlich nur in’s Leben rückgerufen,
An mir vorbei, hinab die Marmorstufen,
Um wieder in die Grüfte zu entweichen.
Ada Christen (1839-1901)
aus: Ada Christen. Schatten. Erstdruck: Hamburg (Hoffmann \ Campe) 1872.
die Autorin: Geboren am 6. 3. 1839 in Wien, gestorben am 23. 5. 1901 in Wien.
www.wortblume.de/dichterinnen/adachr_b.htm
Lyrikmail #2474 Morgenstern – Das Simmaleins
Das Simmaleins
Das ist das große Simmaleia
Simmaleialu
lusammalei.
Der Stein ist ein,
der Brei ist zwei,
die Schlei ist drei,
der Stier ist vier,
der Bünf ist fünf,
die Hex ist sechs,
was blieben ist sieben.
Christian Morgenstern (1871-1914)
der Autor: geb. am 06.05.1871 in München, gestorben am 31.03.1914 in Meran.
http://de.wikipedia.org/wiki/Christian_Morgenstern
Lyrikmail #2473 Hirth – Notiz
Notiz
Heute lasse ich die Großmütter sterben
und koche nichts.
Heute zweifle ich nicht an den roten Wangen
der Teilzeitkraft in der Metzgerei.
Heute verstehe ich die Uhrzeit falsch
und verliebe mich.
Heute warte ich nicht vergeblich auf mein Glück,
heute grab ich mich ein.
Heute bewerbe ich mich um eine freie Stelle
auf meiner Tapete.
Heute verwette ich mein Erbe
und kaufe nichts.
Heute bin ich weg.
Simone Hirth (*1985)
die Autorin: geboren 1985 in Freudenstadt, in Lützenhardt aufgewachsen. Sie absolvierte ein Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und lebt als freischaffende Autorin in Leipzig. 2007 Stipendium der Kunststifung Baden-Württemberg und Förderpreis der Hermann-Lenz-Stiftung.
Die Reihe clicktriebe wird von Tom Bresemann für die Lyrikmail herausgegeben, erscheint einmal wöchentlich und präsentiert gegenwärtliche Gedichte deutschsprachiger und internationaler Autor_innen. Tom Bresemann ist Schriftsteller (zuletzt: Berliner Fenster, Berlin Verlag 2011), Veranstalter (u.a. für die S³ LiteraturWerke, die Lettrétage) und Heraugeber (u.a. Im Heiligkeitsgedränge, Verlag Lettrétage 2010).
berlinerfenster-gedichte.de
Lyrikmail #2472 Wernicke – Aufschrifft eines Lusthauses
Aufschrifft eines Lusthauses
Der Faulheit nicht; der Ruh’ allein:
Zwey Eingäng’ hatt drum dieses Hauss,
Es führt der eine dich hienein,
Der andre weisst dich gleich heraus.
Christian Wernicke (1661-1725)
aus: Uberschrifte Oder Epigrammata, In kurtzen Satyren, Kurtzen Lob-Reden und Kurtzen Sitten-Lehren bestehend. Misce stultitiam consilis brevem. Dulce est desipere in loco Hor. Amsterdam (Bey Adrian Brackmann) Anno 1697.
der Autor: geboren im Januar 1661 in Elbing, er entstammt mütterlicherseits
einem alten englischen Adelsgeschlecht, der Vater ist Stadtsekretär von Elbing, ab 1681 Jura- und Staatswissenschaftsstudium in Kiel, Übersetzungen lateinischer Epigramme, er bemüht sich erfolglos um ein Hofamt, er reist als politischer Agent für den dänischen König nach Frankreich und England, gerät in Haft, kann aber fliehen. 1697 erscheinen anonym seine “Uberschriffte Oder Epigrammata, In Kurtzen Satyren, Kurtzen Lob-Reden und Kurtzen Sitten-Lehren bestehend”, die er revidiert und stark vermehrt in Hamburg 1701 und 1704 neu herausbringt, und die das einzige veröffentlichte Werk bleiben, bis 1699 in Diensten der Familie des Grafen von Rantzau, 1708 Berufung zum dänischen Kanzleirat am französischen Königshof, 1724 wird er zurückberufen, er stirbt am 5. September 1725 in Kopenhagen, von Krankheit und Armut gebrochen.
Lyrikmail #2471 Voß – 20. Ahndung
20. Ahndung
25. Oktober 1773.
Freundlicher Mond, du gießest milden Schimmer
Auf mein goldnes Klavier, und winkest lächelnd,
Mit des seelenschmelzenden Gluck: Willkommen!
Dich zu begrüßen.
Aber mir sagt der tiefe bange Seufzer,
Daß mit Thränen der Sehnsucht meine Selma
Jetzt dich anblickt: freundlicher Mond, ich kann dich
Jetzt nicht begrüßen!
Johann Heinrich Voß (1751-1826)
der Autor: geb. am 20. Februar 1751 in Sommersdorf/Mecklenburg als Sohn eines verarmten Gastwirts und Zollverwalters, der als Schulmeister starb, Besuch der Stadtschule in Penzlin und der Lateinschule in Neubrandenburg, wegen seiner Armut musste er von 1769 bis 1772 unter widrigen Bedingungen als Hofmeister auf einem Gut in Ankershagen arbeiten, sein späterer Schwager Heinrich Christian Boie, der Herausgeber des “Göttinger
Musenalmanachs”, förderte ihn, in dem er ihn in Erwiderung auf eingesandte Gedichte, zum Studium nach Göttingen einlud und unterstützte, Voß studierte Theologie, dann Philologie; Hälty, Bürger, Boie, Miller, die Brüder Stolberg, Leisewitz, Cramer, Overbeck u.a. gehörten zu seinem Freundeskreis, der den “Göttinger Hain” gründete, 1774 traf er mit Klopstock zusammenen, ein Aufenthalt in Wandsbek ließ ihn mit Claudius, Lessing, Campe, Bode und
Carl Philipp Emanuel Bach zusammenkommen, 1778 wurde er Rektor an der Lateinschule in Otterndorf an der Unterelbe, 1782 ging er nach Eutin, 1802 übersiedelte er nach Jena, wo er von Goethe besucht wurde, 1805 erhielt er eine Professur an der Heidelberger Universität,
er starb am 29. März 1826 Heidelberg.
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