Lyrikmail #2496 Harsdörffer – Es schlürfen die Pfeiffen
Es schlürfen die Pfeiffen/ es würblen die Trumlen/
Die Reuter und Beuter zu Pferde sich tumlen/
Die Donnerkartaunen durchblitzen die Lufft/
Es schüttern die Thäler/ es splittert die Grufft/
Es knirschen die Räder/ es rollen die Wägen/
Es rasselt und prasselt der eiserne Regen/
Ein jeder den Nechsten zu würgen begehrt/
So flinkert/ so blinkert das rasende Schwert.
Georg Philipp Harsdörffer (1607-1658) und Johann Klaj (1616-1656)
Aus dem Pegnesischen Schaefergedicht 1644-1645
Lyrikmail #2495 Kasnitz – Dergestalt, dass
Dergestalt, dass
Mit dem eignen Fuhrwerk aus Berlin
Sich ein Mittagessen erbeten
Eine Portion Kaffee
Nur eine Bouillon trinken
Mit einem Eierkuchen vorlieb nehmen
Einen Kaffee jenseits des Sees trinken
Für 8 Groschen Rum erbeten
Und 4 Groschen für die Mühe reichen
40 Schritte zählen bis zum Schuss
30 Schritte
Adrian Kasnitz (*1974)
dr Autor: Adrian Kasnitz, geb. 1974, lebt in Köln. Zuletzt erschien der Gedichtband
“Schrumpfende Städte” (Luxbooks 2011),
für den er Ende November 2011 den GWK-Förderpreis für Literatur erhält
Lyrikmail #2494 Holz – Auf einem Berg aus Zuckerkant
Auf einem Berg aus Zuckerkant, / unter einem blü-
henden Machandelbaum, / blinkt mein Pfefferkuchen-
häuschen. // Seine Fensterchen sind aus Goldpapier, /
aus seinem Schornstein raucht Watte. // Im grünen
Himmel, über mir, rauscht die Weihnachtstanne. // In
meinem See aus Staniol / spiegeln sich alle ihre
Engel, alle ihre Lichter! // Die kleinen Kinder stehn
rum / und staunen mich an. // Ich bin der Zwerg Turli-
tipu. // Mein dicker Bauch ist aus Traganth, / meine
Beinchen Streichhölzer, / meine listigen Aeugelchen /
Korinthen.
Arno Holz (1863-1929)
der Autor: Geboren am 26.4.1863 in Rastenburg (Ostpreußen); gestorben am 26.10.1929 in Berlin. “Wozu noch der Reim? Der erste, der – vor Jahrhunderten! – auf Sonne Wonne reimte, auf Herz Schmerz und
auf Brust Lust, war ein Genie; der tausendste, vorausgesetzt, daß ihn diese Folge nicht bereits genierte, ein Kretin.” Arno Holz, Die neue Wortkunst
Lyrikmail #2493 Günzel – bakunin-consulting
bakunin-consulting
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das reizgas ist ein guter jahrgang
schlecht getretene erwartungen, um dem gebiet
seinen inhalt vorzuhalten, dessen unaussprechlicher
name mit seiner giftigkeit korreliert
dixit aktenzeichen xy undeleuze, was nicht ganz
der wahrheit entspricht
exkurs
idylle ist, was der bauer aufs feld bringt
wenn durch einen hund sich ein ganzes dorf
seinen stammtisch bellt und das geräusch
der festplatte, meinen hang zur natur antizirpt
also in wofür stehst du erzählen, im gewimmel
bis zum hals in pheremonen, die hoffnung
verbeatnickt zu werden und willst du noch was
wissen, ich habe meinen lokalpatriotismus
auf 2 1/2 zimmer eingekocht und morgen
ziehe ich um
Philipp Günzel (*1980)
der Autor: geb. 1980 in Hamburg, lebt dort und ist Mitherausgeber der Literaturzeitschrift randnummer www.randnummer.org. Open Mike Finalist 2011. Veröffentlichungen in Zeitschriften, zuletzt in: lauter niemand nr.11 (2011), trashpool nr. 2 (2011), außer.dem nr. 18 (2011)
Die Reihe clicktriebe wird von Tom Bresemann für die Lyrikmail herausgegeben, erscheint einmal wöchentlich und präsentiert gegenwärtliche Gedichte deutschsprachiger und internationaler Autor_innen. Tom Bresemann ist Schriftsteller (zuletzt: Berliner Fenster, Berlin Verlag 2011), Veranstalter (u.a. für die S³ LiteraturWerke, die Lettrétage) und Heraugeber (u.a. Im Heiligkeitsgedränge, Verlag Lettrétage 2010).
berlinerfenster-gedichte.de
Lyrikmail #2492 Lafleur – Stefan Effenberg
stefan effenberg
er schosz aus allen lagen mit der luft-
pistole auf tueren, spiegel, kommoden
im mannschaftshotel, frueher meister
am mittelfinger, herr der handgreiflich
waltenden, als er einen penner aus
der eiseskaelte seines vorgartens barg
ihm das leben rettete, solang graetschte
bruellte & schosz, bis es vollbracht
war & er das tigerfell tragen durfte als signet
seiner macht, den koeniglichen mantel
aus geraspeltem gras, den er einmal
pro saison zur speisung der armen hergab
stan lafleur (*1968)
aus: die welt auf dem fusz. Fußballgedichte mit Halbzeitpause
von stan lafleur erschienen im Koall Verlag 2006, 11,90 Euro
www.koall-verlag.de
der Autor: stan lafleur, mittelbadisch-rheinischer Dichter mit Wohnsitz in Köln, hat ein Jahr lang an verschiedenen Punkten der Welt seinen Kopf in den Nacken gelegt, um in den Himmel zu blicken. Herausgekommen sind dabei Gedichte über zahlreiche, letztlich durchaus irdische Phänomene wie Gott, Banken, Autounfälle und die irren Farben der 1970er Jahre. lafleurs Gedichte schweben zwischen Räumen und Zeiten, und an großzügigen Tagen gab der Himmel gar rare Blickfluchten Richtung Kosmos frei.
www.rheinsein.de
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