Lyrikmail #2331 Chamisso

Winter

In den jungen Tagen
Hatt ich frischen Mut,
In der Sonne Strahlen
War ich stark und gut.

Liebe, Lebenswogen,
Sterne, Blumenlust!
Wie so stark die Sehnen!
Wie so voll die Brust!

Und es ist zerronnen,
Was ein Traum nur war;
Winter ist gekommen,
Bleichend mir das Haar.

Bin so alt geworden,
Alt und schwach und blind,
Ach! verweht das Leben,
Wie ein Nebelwind!

Adelbert von Chamisso (1781-1838)

Peter Schlemihls wundersame Geschichte: Mit den Farbholzschnitten von Ernst Ludwig Kirchner

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Lyrikmail #2136 Chamisso

Zur Unzeit

Ich wollte, wie gerne, dich herzen,
Dich wiegen in meinem Arm,
Dich drücken an meinem Herzen,
Dich hegen so traut und so warm.

Man verscheuchet mit Rauch die Fliegen,
Mit Verdrießlichkeit wohl den Mann;
Und wollt ich an dich mich schmiegen,
Ich täte nicht weise daran.

Wohl zieht vom strengen Norden
Ein trübes Gewölk herauf,
Ich bin ganz stille geworden,
Ich schlage die Augen nicht auf.

Adelbert von Chamisso (1781-1838)

Suhrkamp BasisBibliothek (SBB), Nr.37, Peter Schlemihls wundersame Geschichte

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Lyrikmail #1354 Chamisso

Adelbert von Chamisso

Abend

Laß, Kind, laß meinen Weg mich ziehen,
Es wird schon spät, es wird schon kalt,
Es neiget sich der Tag zu Ende,
Und erst dort unten mach ich Halt.

Wozu mir deine Lieder singen?
Sie treffen mich mit fremdem Klang. -
Wie war das Wort? war’s Liebe? Liebe!
Vergessen hatt ich es schon lang.

Und doch, gedenk ich ferner Zeiten,
Mich dünkt, es war ein süßes Wort.
Jetzt aber zieh ich meiner Straße,
»Ein jeder kommt an seinen Ort«.

Hier windet sich mein Pfad nach unten,
Die müden Schritte schwanken sehr;
Mein frühes Feuer ist erloschen,
Das fühl ich alle Stunden mehr.

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Lyrikmail #746 Chamisso – Katzennatur

Katzennatur

‘s war mal ‘ne Katzenkönigin,
Ja, ja!
Die hegte edlen Katzensinn,
Ja, ja!
Verstand gar wohl zu mausen,
Liebt’ königlich zu schmausen,
Ja, ja! – Katzennatur!
Schlafe, mein Mäuschen, schlafe du nur!

Die hatt ‘nen schneeweißen Leib,
Ja, ja!
So schlank, so zart, die Hände so weich.
Ja, ja!
Die Augen wie Karfunkeln,
Sie leuchteten im Dunkeln,
Ja, ja! – Katzennatur!
Schlafe, mein Mäuschen, schlafe du nur!

Ein Edelmausjüngling lebte zur Zeit,
Ja, ja!
Der sah die Königin wohl von weit,
Ja, ja!
‘ne ehrliche Haut von Mäuschen,
Der kroch aus seinem Häuschen,

Ja, ja! – Mäusenatur!
Schlafe, mein Mäuschen, schlafe du nur!

Der sprach: in meinem Leben nicht,
Ja, ja!
Hab ich gesehen so süßes Gesicht,
Ja, ja!
Die muß mich Mäuschen meinen,
Sie tut so fromm erscheinen,
Ja, ja! – Mäusenatur!
Schlafe, mein Mäuschen, schlafe du nur!

Der Maus: willst du mein Schätzchen sein?
Ja,ja!
Die Katz: ich will dich sprechen allein.
Ja, ja!
Heut will ich bei dir schlafen –
Heut sollst du bei mir schlafen –
Ja, ja! – Katzennatur!
Schlafe, mein Mäuschen, schlafe du nur!

Der Maus, der fehlte nicht die Stund,
Ja, ja!
Die Katz, die lachte den Bauch sich rund,
Ja, ja!
Dem Schatz, den ich erkoren,
Dem zieh ich’s Fell über die Ohren,

Ja, ja! – Katzennatur!
Schlafe, mein Mäuschen, schlafe du nur!

Adelbert von Chamisso (1781-1838)

Peter Schlemihls wundersame Geschichte:
Mit den Farbholzschnitten von Ernst Ludwig Kirchner

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Lyrikmail #201 Chamisso

Adelbert von Chamisso (1781-1838) 

Morgenthau

Wir wollten mit Kosen und Lieben
Genießen der köstlichen Nacht.
Wo sind doch die Stunden geblieben?
Es ist ja der Hahn schon erwacht,

Die Sonne, die bringt viel Leiden,
Es weinet die scheidende Nacht;
Ich also muß weinen und scheiden,
Es ist ja die Welt schon erwacht.

Ich wollt, es gäb keine Sonne,
als eben dein Auge so klar,
Wir weilten in Tag und in Wonne,
Und schliefe die Welt immerdar.

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